Teil unseres Ratgebers: Männliche Fruchtbarkeit

Als Androloge sehe ich täglich Männer in meiner Praxis, die verzweifelt nach Antworten suchen. Der unerfüllte Kinderwunsch belastet nicht nur die Partnerschaft, er nagt am Selbstbild. Die gute Nachricht: Männliche Unfruchtbarkeit ist oft behandelbar.

Viele Paare denken zuerst an die Frau, wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt. Ein Irrtum. Bei fast der Hälfte aller Fälle liegt die Ursache ganz oder teilweise beim Mann.

Wie häufig ist männliche Unfruchtbarkeit

Die Zahlen überraschen viele meiner Patienten: In etwa 40 Prozent aller Fälle ungewollter Kinderlosigkeit ist der Mann mitverantwortlich. Bei 20 Prozent liegt die Ursache ausschließlich beim Mann. Bei weiteren 20 Prozent bei beiden Partnern.

Globaler Trend: Spermaqualität nimmt ab

Die Studienlage ist alarmierend. Seit 1973 hat sich die Spermienkonzentration in westlichen Ländern halbiert. Diese Entwicklung beschleunigt sich sogar: Zwischen 2010 und 2018 sank die Konzentration um weitere 2,6 Prozent pro Jahr.

In meiner Praxis bestätigt sich dieser Trend. Heute sehe ich deutlich mehr junge Männer mit schlechten Spermiogramm-Werten als noch vor zehn Jahren.

Deutsche Daten: Ein realistisches Bild

Aktuelle deutsche Studien aus 2026 zeigen: Etwa 15 Prozent aller Paare im reproduktionsfähigen Alter bleiben ungewollt kinderlos. Bei jedem zehnten Mann zwischen 25 und 45 Jahren finden sich Auffälligkeiten im Spermiogramm.

Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Viele Männer scheuen den Gang zum Andrologen, oft aus falscher Scham oder Unwissen.

Alterseffekt beim Mann unterschätzt

Während das Alter der Frau intensiv diskutiert wird, übersehen viele den männlichen Alterseffekt. Ab 35 Jahren sinkt auch beim Mann die Fruchtbarkeit messbar. Die Spermienqualität nimmt ab. Genetische Schäden häufen sich.

Ursachen im Überblick: Tabelle

Die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit sind vielfältig. Diese Übersicht hilft bei der ersten Einordnung:

Ursache Häufigkeit Beispiele Behandelbarkeit
Hormonelle Störungen 10-15% Hypogonadismus, Hyperprolaktinämie Meist gut behandelbar
Anatomische Probleme 20-25% Varikozele, Hodenhochstand, Verschlüsse Oft operativ korrigierbar
Genetische Ursachen 15-20% Klinefelter-Syndrom, Y-Chromosom-Deletionen Begrenzt behandelbar
Infektionen 5-10% Chlamydien, Mumps-Orchitis Meist behandelbar
Lebensstil-Faktoren 15-20% Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Stress Gut beeinflussbar
Medikamente/Toxine 5-10% Chemotherapie, Anabolika, Pestizide Teilweise reversibel
Idiopathisch (unbekannt) 30-40% Keine identifizierbare Ursache Symptomatische Therapie

Die große Unbekannte: Idiopathische Infertilität

Bei jedem dritten bis vierten meiner Patienten finde ich trotz ausführlicher Diagnostik keine eindeutige Ursache. Das frustriert Betroffene enorm. Doch auch hier gibt es Behandlungsoptionen.

Die moderne Andrologie entwickelt sich rasant. Was heute als "unbekannte Ursache" gilt, könnte morgen behandelbar sein.

Samenprobe im Becher fuer die andrologische Diagnostik

Hormonelle Ursachen

Das männliche Hormonsystem ist ein fein abgestimmtes Orchester. Gerät es aus dem Takt, leidet die Fruchtbarkeit. In meiner Praxis erlebe ich täglich, wie Hormonstörungen Männer belasten: körperlich und psychisch.

Hypogonadotroper Hypogonadismus: Wenn das Signal fehlt

Der klassische Fall: Gehirn und Hirnanhangsdrüse produzieren zu wenig stimulierende Hormone (FSH und LH). Die Folge: Die Hoden arbeiten auf Sparflamme oder stehen komplett still.

Ursachen sind vielfältig. Angeborene Syndrome wie Kallmann oder erworbene Schäden durch Tumore, Traumata oder Strahlentherapie. Auch extremer Sport oder Anabolika-Missbrauch können dahinterstecken.

Die gute Nachricht: Diese Form ist meist sehr gut behandelbar. Mit Hormonersatztherapie oder gezielter Stimulation bringe ich die Spermienproduktion oft wieder in Gang.

Hypergonadotroper Hypogonadismus: Wenn die Hoden versagen

Hier liegt das Problem direkt in den Hoden. Sie produzieren trotz ausreichender Signale vom Gehirn kein oder zu wenig Testosteron. Die stimulierenden Hormone FSH und LH sind entsprechend erhöht.

Typische Ursachen sind das Klinefelter-Syndrom, Hodentrauma, Infektionen oder Chemotherapie. Die Behandlung ist schwieriger, aber nicht aussichtslos. Oft können wir mit Mikro-TESE noch einzelne Spermien gewinnen.

Hyperprolaktinämie: Das übersehene Hormon

Erhöhtes Prolaktin blockiert die Testosteronproduktion. Stress, bestimmte Medikamente oder Hirntumoren können dahinterstecken. Die Symptome sind oft subtil: nachlassende Libido, Erektionsstörungen, manchmal sogar Brustdrüsenschwellung.

Die Behandlung ist meist einfach. Medikamente wie Cabergolin oder Bromocriptin senken das Prolaktin effektiv. Oft normalisiert sich dann auch die Spermienproduktion.

Schilddrüse: Der unterschätzte Einfluss

Sowohl Über- als auch Unterfunktion der Schilddrüse beeinträchtigen die männliche Fruchtbarkeit. Die Spermienqualität leidet. Das sexuelle Verlangen sinkt. Glücklicherweise ist die Behandlung meist unkompliziert und erfolgreich.

Anatomische Ursachen: Varikozele und Hodenhochstand

Manchmal sind es mechanische Probleme, die der Fruchtbarkeit im Weg stehen. Als Androloge kann ich diese oft direkt sehen oder ertasten. Das macht die Diagnostik einfacher und die Behandlung meist erfolgsversprechend.

Varikozele: Die häufigste behandelbare Ursache

Krampfadern am Hoden finde ich bei etwa 15 Prozent aller Männer, bei Infertilitätspatienten sogar bei 40 Prozent. Die erweiterten Venen stauen das Blut und überwärmen den Hoden. Das schadet der empfindlichen Spermienproduktion.

Grade der Varikozele und ihre Bedeutung

Ich unterscheide drei Grade:

  • Grad I: Nur bei Pressmanöver tastbar
  • Grad II: Im Stehen tastbar
  • Grad III: Sichtbare "Krampfadern"

Nicht jede Varikozele muss behandelt werden. Entscheidend sind die Beschwerden und vor allem die Spermienqualität. Bei schlechten Werten und tastbarer Varikozele empfehle ich meist eine Operation.

Operative Behandlung: Mikroskopisch präzise

Die moderne Varikozelen-Operation führe ich mikroskopisch durch. Unter starker Vergrößerung verschließe ich nur die betroffenen Venen und schone Arterien und Lymphbahnen. Das minimiert Komplikationen und maximiert den Erfolg.

Die Erfolgsraten sind ermutigend: Bei 60-80 Prozent meiner Patienten verbessern sich die Spermienwerte nach der Operation. Oft dauert es 3-6 Monate, bis sich die volle Wirkung zeigt.

Hodenhochstand: Späte Folgen eines Kindheitsproblems

Normalerweise wandern die Hoden während der Schwangerschaft aus dem Bauchraum in den Hodensack. Bleibt einer oder beide "oben", sprechen wir von Kryptorchismus oder Hodenhochstand.

Unbehandelt führt die höhere Körpertemperatur zu irreversiblen Schäden. Selbst nach erfolgreicher Behandlung in der Kindheit bleibt oft eine eingeschränkte Fruchtbarkeit zurück.

Einseitiger vs. beidseitiger Hodenhochstand

Bei einseitigem Hodenhochstand kompensiert der gesunde Hoden oft gut. Die Fruchtbarkeit ist meist nur leicht eingeschränkt. Anders bei beidseitigem Hodenhochstand: Hier ist das Risiko für Unfruchtbarkeit deutlich erhöht.

In meiner Praxis sehe ich diese Patienten meist erst als Erwachsene. Die operative Korrektur bringt dann kaum noch Verbesserung. Wichtig ist die frühzeitige Vorsorge in der Kindheit.

Weitere anatomische Ursachen

Verschlüsse der Samenwege durch Infektionen oder angeborene Fehlbildungen blockieren den Samentransport. Trotz normaler Spermienproduktion finden sich dann keine oder wenige Spermien im Ejakulat.

Die TESE-Operation kann hier helfen. Wir entnehmen Spermien direkt aus dem Hoden und verwenden sie für eine ICSI-Behandlung.

Blutproben fuer Hormontests bei maennlicher Unfruchtbarkeit im Labor

Genetische Ursachen

Die Genetik spielt eine größere Rolle bei männlicher Unfruchtbarkeit, als viele denken. In meiner Praxis diagnostiziere ich regelmäßig genetische Störungen, die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Das Verständnis dieser Ursachen hilft bei der Beratung und Behandlungsplanung.

Klinefelter-Syndrom: Die häufigste chromosomale Ursache

Etwa einer von 500 Männern hat ein zusätzliches X-Chromosom (47,XXY statt 46,XY). Das Klinefelter-Syndrom ist oft die Ursache für schwere Oligozoospermie oder komplette Azoospermie.

Typische Merkmale sind große Körpergröße, kleine Hoden und oft ein eunuchoider Körperbau. Viele Betroffene haben auch eine verminderte Intelligenz oder Lernprobleme.

Behandlungsmöglichkeiten beim Klinefelter-Syndrom

Die Testosteronproduktion ist meist stark vermindert. Eine Hormonersatztherapie verbessert Wohlbefinden und Körperzusammensetzung, stoppt aber die ohnehin eingeschränkte Spermienproduktion komplett.

Bei Kinderwunsch verzichte ich auf Testosteron und versuche eine Stimulationsbehandlung. Manchmal gelingt es, einzelne Spermien im Ejakulat zu finden. Alternativ führe ich eine Mikro-TESE durch.

Y-Chromosom-Deletionen: Wenn Gene für die Fruchtbarkeit fehlen

Kleine Löcher im Y-Chromosom können große Auswirkungen haben. Je nach betroffener Region (AZFa, AZFb oder AZFc) reicht das Spektrum von schwerer Oligozoospermie bis zur kompletten Azoospermie.

Die Diagnostik ist einfach: Ein Bluttest zeigt die Deletion. Wichtig für die Beratung: Söhne erben die Deletion vom Vater. Bei AZFa- und AZFb-Deletionen ist meist keine Spermiengewinnung möglich.

AZFc-Deletionen: Noch Hoffnung auf eigene Spermien

Bei AZFc-Deletionen finde ich in etwa 50 Prozent der Fälle noch Spermien (entweder im Ejakulat oder durch TESE). Die Prognose ist deutlich besser als bei anderen Deletionen.

Diese Patienten brauche ich besonders intensiv bezüglich der genetischen Beratung. Die Entscheidung für eine Behandlung betrifft nicht nur sie, sondern auch ihre potenziellen Söhne.

Zystische Fibrose: Nicht nur eine Lungenkrankheit

Mutationen im CFTR-Gen verursachen nicht nur zystische Fibrose, sondern auch angeborenes Fehlen der Samenwege (CAVD). Die Spermienproduktion ist normal, aber der Transport blockiert.

Bei etwa 80 Prozent der Männer mit CAVD finde ich CFTR-Mutationen. Das hat Konsequenzen für die Familienplanung: Ist auch die Partnerin Trägerin, können die Kinder an zystischer Fibrose erkranken.

Weitere genetische Ursachen

Robertsonsche Translokationen und andere Chromosomenstörungen können zu wiederholten Fehlgeburten führen, auch wenn die Befruchtung gelingt. Eine genetische Diagnostik klärt die Ursache.

Monogene Störungen wie Mutationen in Genen für Zilienproteine verursachen das Kartagener-Syndrom mit unbeweglichen Spermien. Die Diagnostik wird immer präziser. Die Behandlungsmöglichkeiten bleiben aber begrenzt.

Lebensstil-Faktoren

In meiner täglichen Praxis erlebe ich, wie sehr der moderne Lebensstil der männlichen Fruchtbarkeit schadet. Das Positive daran: Diese Faktoren können Männer selbst beeinflussen. Oft braucht es nur den richtigen Anstoß und realistische Ziele.

Rauchen: Der Feind der Spermien

Die Datenlage ist eindeutig: Raucher haben schlechtere Spermienqualität. Konzentration, Beweglichkeit und Form der Spermien leiden unter dem Tabakkonsum. Auch das genetische Material wird geschädigt.

In Studien zeigt sich: Männer, die mehr als 20 Zigaretten täglich rauchen, haben um 23 Prozent reduzierte Spermienkonzentrationen. Die DNA-Fragmentierung steigt um 30 Prozent.

Erfolgsgeschichten aus der Praxis

Ein 34-jähriger Patient kam mit miserablem Spermiogramm zu mir. 40 Zigaretten täglich seit 15 Jahren. Nach dem Rauchstopp und sechs Monaten Geduld waren die Werte dramatisch besser. Seine Frau wurde spontan schwanger.

Der Rauchstopp lohnt sich immer. Bereits nach drei Monaten zeigen sich erste Verbesserungen. Das Maximum erreichen die Werte nach etwa einem Jahr.

Alkohol: Maß und Mitte sind entscheidend

Moderater Alkoholkonsum schadet der Fruchtbarkeit kaum. Problematisch wird es bei regelmäßig mehr als zwei Drinks täglich. Alkohol senkt den Testosteronspiegel und verschlechtert die Spermienqualität.

Besonders schädlich ist Binge-Drinking. Ein Vollrausch kann die Spermienproduktion für Wochen beeinträchtigen. In meiner Praxis sehe ich oft junge Männer, die ihre Trinkgewohnheiten drastisch unterschätzen.

Übergewicht: Mehr als ein kosmetisches Problem

Adipositas verändert das Hormonprofil grundlegend. Testosteron sinkt, Östrogene steigen. Die Spermienqualität leidet. Die Fruchtbarkeit nimmt ab. Bei einem BMI über 30 ist das Risiko für Unfruchtbarkeit doppelt so hoch.

Mechanismen der Übergewichts-Infertilität

Fettgewebe produziert Aromatase, ein Enzym, das Testosteron zu Östrogen umwandelt. Gleichzeitig steigt das SHBG (sexualhormonbindendes Globulin), wodurch weniger freies Testosteron verfügbar ist.

Die Hoden werden schlechter durchblutet. Die Temperaturregulation gestört. Entzündungsmarker steigen, oxidativer Stress nimmt zu. All das schadet der empfindlichen Spermienproduktion.

Erfolgsfaktor Gewichtsreduktion

Eine Gewichtsabnahme von nur 5-10 Prozent kann die Fruchtbarkeit merklich verbessern. Ich empfehle meinen Patienten eine Kombination aus Ernährungsumstellung und Sport. Crashdiäten sind kontraproduktiv.

Hitze: Der unterschätzte Feind

Die Hoden hängen nicht ohne Grund außerhalb des Körpers. Sie brauchen eine um 2-3 Grad niedrigere Temperatur als der Rest des Körpers. Überhitzung schädigt die Spermienproduktion nachhaltig.

Laptops auf dem Schoß, häufige Saunabesuche, enge Unterwäsche oder sitzende Tätigkeiten können problematisch werden. Auch Fieber über mehrere Tage hinterlässt oft monatelange Spuren im Spermiogramm.

Stress: Der stille Killer der Fruchtbarkeit

Chronischer Stress erhöht Cortisol und senkt Testosteron. Die Spermienqualität leidet. Die Libido schwindet. Gerade der Stress durch unerfüllten Kinderwunsch verstärkt das Problem zusätzlich.

Entspannungstechniken, Sport oder psychologische Betreuung können helfen. Wichtig ist, den Teufelskreis zu durchbrechen: Stress reduziert Fruchtbarkeit, reduzierte Fruchtbarkeit verstärkt Stress.

Spermiogramm-Analyse unter dem Mikroskop im Andrologie-Labor

Diagnostik: Spermiogramm und darüber hinaus

Die moderne Andrologie geht weit über das einfache Spermiogramm hinaus. In meiner Praxis nutze ich ein mehrstufiges Diagnostikkonzept, das je nach Befund erweitert wird. Ziel ist es, die Ursache der Unfruchtbarkeit zu finden und darauf basierend zu behandeln.

Das Spermiogramm: Grundlage der Diagnostik

Jede andrologische Untersuchung beginnt mit dem Spermiogramm. Nach 2-5 Tagen Enthaltsamkeit wird die Probe durch Masturbation gewonnen, idealerweise in der Praxis, um Transportschäden zu vermeiden.

Die WHO-Referenzwerte aus 2021 gelten als untere Grenze der Normalität:

  • Volumen: ≥ 1,4 ml
  • Konzentration: ≥ 16 Millionen/ml
  • Gesamtzahl: ≥ 39 Millionen pro Ejakulat
  • Motilität: ≥ 42% beweglich
  • Morphologie: ≥ 4% normal geformt

Interpretation: Mehr als nur Zahlen

Ein schlechtes Spermiogramm heißt nicht automatisch Unfruchtbarkeit. Ich habe Paare gesehen, die trotz miserabler Werte spontan schwanger wurden. Umgekehrt garantieren gute Werte keine Fruchtbarkeit.

Entscheidend ist das Gesamtbild. Bei grenzwertigen Befunden wiederhole ich das Spermiogramm nach 6-8 Wochen. Die Schwankungsbreite ist enorm, manchmal um den Faktor 10.

Erweiterte Spermiendiagnostik

Reicht das Standardspermiogramm nicht aus, nutze ich zusätzliche Tests:

DNA-Fragmentierung: Misst Schäden am Erbgut der Spermien. Werte über 30% können die Befruchtungsfähigkeit und Embryoentwicklung beeinträchtigen.

Akrosomreaktion: Prüft, ob Spermien die Eizellhülle durchdringen können. Gestörte Reaktionen erklären manchmal unerklärliche IVF-Versager.

Hypoosmotischer Schwelltest: Testet die Membranintegrität. Wichtig bei schlechter Beweglichkeit oder vor ICSI.

Hormondiagnostik: Das endokrine Profil

Parallel zum Spermiogramm bestimme ich wichtige Hormone:

  • FSH und LH: Zeigen, ob die Stimulation der Hoden funktioniert
  • Testosteron: Am besten morgens zwischen 7-10 Uhr
  • Prolaktin: Bei Verdacht auf Hyperprolaktinämie
  • Schilddrüsenhormone: TSH, T3, T4 bei entsprechender Klinik

Interpretation der Hormonwerte

Erhöhtes FSH deutet auf eine Schädigung der Hoden hin. Niedriges FSH bei schlechtem Spermiogramm spricht für eine hormonelle Ursache, oft gut behandelbar.

Testosteron allein reicht nicht aus. Wichtig ist auch das freie oder bioverfügbare Testosteron. SHBG kann die Interpretation erheblich beeinflussen.

Körperliche Untersuchung: Der Blick aufs Ganze

Die Untersuchung beginnt mit dem Gesamteindruck: Körperbau, Behaarung, Stimme können Hinweise auf Hormonstörungen geben. Die Genitaluntersuchung erfolgt im Stehen und Liegen.

Hodengröße: Normale Hoden sind 15-25 ml groß, gemessen mit dem Orchidometer. Kleine Hoden produzieren meist weniger Spermien.

Konsistenz: Weiche Hoden können auf Hormonstörungen hinweisen, harte auf Tumore oder Vernarbungen.

Nebenhoden: Verhärtungen oder Zysten können den Samentransport behindern.

Varikozele-Diagnostik

Die Untersuchung erfolgt im Stehen bei warmem Raum. Ich taste systematisch entlang des Samenstrangs und lasse den Patienten pressen. Doppler-Ultraschall kann grenzwertige Befunde objektivieren.

Nicht jede Varikozele ist behandlungsbedürftig. Entscheidend sind Beschwerden, Hodengröße und vor allem die Spermienqualität.

Weiterführende Diagnostik

Bei besonderen Fragestellungen setze ich zusätzliche Verfahren ein:

Genetische Diagnostik: Karyotyp bei schwerer Oligozoospermie, Y-Chromosom-Deletionen bei Azoospermie, CFTR-Mutationen bei Verdacht auf CAVD.

Transrektaler Ultraschall: Bei Verdacht auf Samenwegsverschlüsse oder Zysten.

Hodenbiopsie: Nur noch selten nötig, meist direkt im Rahmen einer TESE-Operation.

Androloge erklaert Behandlungsoptionen bei maennlicher Unfruchtbarkeit

Behandlungsmöglichkeiten nach Ursache

Die Therapie männlicher Unfruchtbarkeit richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache. Als Androloge verfolge ich einen stufenweisen Ansatz: von der einfachsten zur komplexesten Behandlung. Dabei ist Geduld gefragt: die Spermienreifung dauert 74 Tage.

Hormonelle Behandlungen: Oft der erste Schritt

Bei hormonellen Störungen sind die Erfolgsaussichten meist gut. Die Behandlung ist nicht invasiv und oft kostengünstig.

Hypogonadotroper Hypogonadismus: Stimulation statt Ersatz

Anstatt Testosteron zu ersetzen, stimuliere ich die körpereigene Produktion. HCG (humanes Choriongonadotropin) ahmt das luteinisierende Hormon nach und regt die Testosteron- und Spermienproduktion an.

Typisches Protokoll: 1500-2000 IE HCG dreimal wöchentlich subkutan. Nach 3-6 Monaten sind meist deutliche Verbesserungen messbar. Bei unzureichender Wirkung ergänze ich FSH.

Clomifencitrat: Der Klassiker der Stimulation

Bei leichten hormonellen Störungen nutze ich oft Clomifencitrat. Es blockiert Östrogen-Rezeptoren im Gehirn und steigert so die körpereigene FSH- und LH-Produktion.

Dosierung: 25-50 mg täglich über 3-6 Monate. Die Nebenwirkungen sind gering. Die Kosten niedrig. Bei etwa 60 Prozent der Patienten verbessern sich die Spermienwerte.

Hyperprolaktinämie: Schnelle Hilfe mit Dopaminagonisten

Erhöhtes Prolaktin lässt sich meist einfach behandeln. Cabergolin (0,5-1 mg zweimal wöchentlich) oder Bromocriptin normalisieren die Werte zuverlässig.

Die Verbesserung der Spermienqualität zeigt sich oft bereits nach 2-3 Monaten. Wichtig ist die Ursachenabklärung: MRT-Untersuchung bei deutlich erhöhten Werten.

Operative Behandlungen: Anatomie korrigieren

Mechanische Probleme erfordern meist operative Korrekturen. Die Erfolgsraten sind gut, wenn die Indikation stimmt.

Varikozelen-Operation: Der Klassiker

Die mikroskopische Varikozelenoperation führe ich ambulant in örtlicher Betäubung durch. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste verschließe ich die erweiterten Venen unter dem Mikroskop.

Erfolgsraten: Bei 60-80 Prozent der Patienten verbessern sich die Spermienwerte nach 3-6 Monaten. Die Schwangerschaftsraten steigen um etwa 30-40 Prozent.

Komplikationen sind selten: Hydrozele in 1-5 Prozent, Rezidiv in 2-5 Prozent. Die Arterie wird praktisch nie verletzt.

Verschlüsse der Samenwege: Mikrochirurgie gefragt

Bei Verschlüssen der Nebenhoden oder Samenleiter versuche ich eine mikrochirurgische Rekonstruktion. Die Operation ist anspruchsvoll, aber bei guter Indikation erfolgreich.

Vasoepididymostomie: Verbindung zwischen Nebenhoden und Samenleiter. Erfolgsraten für Durchgängigkeit: 60-80 Prozent, für Schwangerschaft: 20-40 Prozent.

Vasovasostomie: Wiederherstellung nach Vasektomie. Durchgängigkeit: über 90 Prozent, Schwangerschaft: 50-70 Prozent.

Antibiotikabehandlung: Bei nachgewiesenen Infektionen

Bakterielle Infektionen der Prostata oder Nebenhoden können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Die Behandlung ist oft erfolgreich. Braucht aber Zeit.

Typische Erreger sind Chlamydien, E. coli oder Enterokokken. Je nach Keim behandle ich 4-6 Wochen mit Chinolonen, Makroliden oder Tetrazyklinen.

Antioxidative Therapie: Ergänzung zur Hauptbehandlung

Oxidativer Stress schädigt Spermien. Antioxidantien können helfen, sind aber nie die alleinige Therapie.

Bewährt haben sich Kombinationen aus:

  • Vitamin E: 400-800 IE täglich
  • Vitamin C: 1000-2000 mg täglich
  • Coenzym Q10: 200-300 mg täglich
  • Selen: 200 µg täglich
  • Zink: 15-30 mg täglich

Die Behandlungsdauer beträgt mindestens 3 Monate. Verbesserungen zeigen sich meist nach 2-3 Zyklen der Spermienreifung.

Reproduktionsmedizinische Verfahren

Reichen konservative Maßnahmen nicht aus, kommen reproduktionsmedizinische Verfahren zum Einsatz. Die Auswahl richtet sich nach der Schwere der Störung.

IUI: Der sanfte Einstieg

Bei leichten bis mittleren Störungen der Spermienqualität ist die intrauterine Insemination (IUI) oft erfolgreich. Aufbereitete Spermien werden direkt in die Gebärmutter gespült.

Voraussetzungen: Mindestens 5 Millionen bewegliche Spermien nach Aufbereitung, durchgängige Eileiter, ovulationsfähige Partnerin.

Erfolgsraten: 10-15 Prozent pro Zyklus bei guter Indikation. Die Kosten sind überschaubar. Die Belastung gering.

IVF/ICSI: Die höhere Liga

Bei schweren Störungen führt kein Weg an IVF oder ICSI vorbei. ICSI ist bei männlicher Unfruchtbarkeit meist die Methode der Wahl: ein einzel

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Über den Autor

Dr. med. Markus Berger

Facharzt für Andrologie und Urologie

Dr. Markus Berger ist Facharzt für Urologie mit dem Schwerpunkt Andrologie. Er hat sich auf die Diagnostik und Behandlung männlicher Fruchtbarkeitsstörungen spezialisiert und führt regelmäßig Mikro-TESE-Operationen durch.