Teil unseres Ratgebers: Männliche Fruchtbarkeit

Wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt, suchen viele Männer verzweifelt nach Antworten. Der unerfüllte Kinderwunsch belastet nicht nur die Partnerschaft, er nagt am Selbstbild. Die gute Nachricht: Männliche Unfruchtbarkeit ist oft behandelbar.

Viele Paare denken zuerst an die Frau, wenn es mit dem Schwangerwerden nicht klappt. Ein Irrtum. Bei fast der Hälfte aller Fälle liegt die Ursache ganz oder teilweise beim Mann.

Wie häufig ist männliche Unfruchtbarkeit

Die Zahlen überraschen viele: Laut Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU) ist bei rund der Hälfte aller ungewollt kinderlosen Paare ein männlicher Faktor beteiligt. Bei etwa 20 Prozent liegt die Ursache ausschließlich beim Mann.

Globaler Trend: Spermaqualität nimmt ab

Die Studienlage ist alarmierend. Zwischen 1973 und 2011 ist die mittlere Spermienkonzentration bei Männern in westlichen Ländern um gut die Hälfte gesunken (52,4 Prozent). Eine Folgeauswertung derselben Forschungsgruppe mit Daten bis 2018 deutet darauf hin, dass sich der Rückgang beschleunigt: Für Daten ab dem Jahr 2000 lag er bei 2,6 Prozent pro Jahr.

Deutsche Daten: Ein realistisches Bild

In Deutschland ist laut Deutscher Gesellschaft für Urologie jedes sechste Paar ungewollt kinderlos und auf medizinische Hilfe angewiesen. Die EAU-Leitlinie nennt für Paare im fortpflanzungsfähigen Alter eine Häufigkeit von etwa 15 Prozent. Ob beim Mann eine Ursache vorliegt, zeigt erst die Untersuchung, allen voran das Spermiogramm.

Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Viele Männer scheuen den Gang zum Andrologen, oft aus falscher Scham oder Unwissen.

Alterseffekt beim Mann unterschätzt

Während das Alter der Frau intensiv diskutiert wird, übersehen viele den männlichen Alterseffekt. Meist ab etwa 40 Jahren sinkt auch beim Mann die Fruchtbarkeit: Es werden weniger Spermien gebildet, und ihre Befruchtungsfähigkeit kann abnehmen. Genetische Fehler in den Spermien häufen sich, das Risiko für Fehlgeburten steigt. Auch die EAU-Leitlinie nennt ein höheres Alter des Vaters als Risikofaktor.

Ursachen im Überblick: Tabelle

Die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit sind vielfältig. Die folgende Verteilung stammt aus einer großen andrologischen Auswertung mit knapp 13.000 Patienten, die die EAU-Leitlinie zitiert:

Ursache Anteil Beispiele Behandelbarkeit
Varikozele 14,8% Krampfadern am Hoden Oft operativ behandelbar
Hypogonadismus 10,1% Klinefelter-Syndrom (2,6%), sekundärer Hypogonadismus Sekundäre Formen gut, primäre kaum behandelbar
Hodenhochstand 8,4% Kryptorchismus in der Kindheit, auch nach Behandlung Folgen oft bleibend
Krebserkrankung 7,8% Hodentumor, Lymphom, Leukämie (Einfrieren vor Therapie) Kryokonservierung vor der Therapie
Spermien-Autoantikörper 3,9% Antikörper gegen eigene Spermien Behandlung je nach Befund
Erektions- oder Ejakulationsstörungen 2,4% Ausbleibender oder rückläufiger Samenerguss Behandlung je nach Ursache
Verschluss der Samenwege 2,2% Vasektomie, fehlende Samenleiter (CBAVD) Operativ oder per Spermiengewinnung
Allgemeinerkrankungen 2,2% Schwere chronische Erkrankungen Je nach Grunderkrankung
Idiopathisch (unbekannt) 30,0% Keine identifizierbare Ursache Symptomatische Therapie

Lebensstil, Infektionen, Medikamente und Umweltfaktoren tauchen in dieser Statistik nicht als eigene Gruppe auf. Sie können aber zusätzlich zu einer anderen Ursache die Spermienqualität verschlechtern.

Die große Unbekannte: Idiopathische Infertilität

Bei etwa jedem dritten bis vierten Mann findet sich trotz ausführlicher Diagnostik keine eindeutige Ursache. Das frustriert Betroffene enorm. Doch auch hier gibt es Behandlungsoptionen.

Die moderne Andrologie entwickelt sich rasant. Was heute als "unbekannte Ursache" gilt, könnte morgen behandelbar sein.

Samenprobe im Becher für die andrologische Diagnostik

Hormonelle Ursachen

Das männliche Hormonsystem ist ein fein abgestimmtes Orchester. Gerät es aus dem Takt, leidet die Fruchtbarkeit. Hormonstörungen belasten Männer oft körperlich und psychisch.

Hypogonadotroper Hypogonadismus: Wenn das Signal fehlt

Der klassische Fall: Gehirn und Hirnanhangsdrüse produzieren zu wenig stimulierende Hormone (FSH und LH). Die Folge: Die Hoden arbeiten auf Sparflamme oder stehen komplett still.

Ursachen sind vielfältig. Angeborene Syndrome wie Kallmann oder erworbene Schäden durch Tumore, Traumata oder Strahlentherapie. Auch Anabolika-Missbrauch kann dahinterstecken.

Die gute Nachricht: Diese Form ist meist sehr gut behandelbar. Mit einer gezielten Hormontherapie (hCG, bei Bedarf ergänzt durch FSH) lässt sich die Spermienproduktion oft wieder in Gang bringen.

Hypergonadotroper Hypogonadismus: Wenn die Hoden versagen

Hier liegt das Problem direkt in den Hoden. Sie produzieren trotz ausreichender Signale vom Gehirn kein oder zu wenig Testosteron. Die stimulierenden Hormone FSH und LH sind entsprechend erhöht.

Typische Ursachen sind das Klinefelter-Syndrom, Hodentrauma, Infektionen oder Chemotherapie. Eine Hormontherapie hilft hier laut EAU-Leitlinie nicht. Aussichtslos ist die Lage trotzdem nicht: Oft lassen sich mit Mikro-TESE noch einzelne Spermien gewinnen.

Hyperprolaktinämie: Das übersehene Hormon

Erhöhtes Prolaktin unterdrückt die Hormone, die die Hoden steuern, und damit die Testosteronproduktion. Bestimmte Medikamente oder gutartige Tumoren der Hirnanhangsdrüse können dahinterstecken. Die Symptome sind oft subtil: nachlassende Libido, Erektionsstörungen, manchmal sogar Brustdrüsenschwellung.

Die Behandlung ist meist einfach. Medikamente wie Cabergolin oder Bromocriptin senken das Prolaktin, oder ein auslösendes Medikament wird abgesetzt. Oft verbessert sich dann auch die Spermienqualität.

Schilddrüse: Der unterschätzte Einfluss

Sowohl Über- als auch Unterfunktion der Schilddrüse können die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Deshalb gehören Schilddrüsenwerte bei entsprechenden Beschwerden zur Abklärung. Glücklicherweise lassen sich Schilddrüsenstörungen meist gut behandeln.

Anatomische Ursachen: Varikozele und Hodenhochstand

Manchmal sind es mechanische Probleme, die der Fruchtbarkeit im Weg stehen. Andrologen können diese oft direkt sehen oder ertasten. Das macht die Diagnostik einfacher und die Behandlung meist erfolgsversprechend.

Varikozele: Die häufigste behandelbare Ursache

Krampfadern am Hoden finden sich laut EAU-Leitlinie bei fast 15 Prozent aller Männer, bei Männern mit Fruchtbarkeitsproblemen sogar bei 35 bis 40 Prozent. Die erweiterten Venen stauen das Blut, erhöhen die Temperatur im Hodensack und können so der empfindlichen Spermienproduktion schaden.

Grade der Varikozele und ihre Bedeutung

Man unterscheidet drei Grade:

  • Grad I: Nur beim Pressen tastbar
  • Grad II: In Ruhe tastbar
  • Grad III: In Ruhe sichtbar und tastbar

Daneben gibt es die subklinische Varikozele, die nur im Ultraschall auffällt. Nicht jede Varikozele muss behandelt werden. Entscheidend sind die Beschwerden und vor allem die Spermienqualität. Bei schlechten Werten und tastbarer Varikozele wird meist eine Operation empfohlen. Bei einer nur im Ultraschall sichtbaren Varikozele brachte eine Operation in Studien dagegen keinen Vorteil.

Operative Behandlung: Mikroskopisch präzise

Die moderne Varikozelen-Operation erfolgt mikroskopisch. Unter starker Vergrößerung werden nur die betroffenen Venen verschlossen, Arterien und Lymphbahnen bleiben geschont. Laut EAU-Leitlinie gibt es dabei weniger Komplikationen und Rückfälle als bei anderen Techniken.

Die Ergebnisse sind ermutigend: Bei Männern mit auffälligen Werten verbessern sich die Spermienwerte nach der Operation meist. Bis sich das zeigt, dauert es bis zu zwei Zyklen der Spermienbildung. Eine spontane Schwangerschaft trat in Studien meist sechs bis zwölf Monate nach dem Eingriff ein.

Hodenhochstand: Späte Folgen eines Kindheitsproblems

Normalerweise wandern die Hoden während der Schwangerschaft aus dem Bauchraum in den Hodensack. Bleibt einer oder beide "oben", spricht man von Kryptorchismus oder Hodenhochstand.

Unbehandelt kann die höhere Körpertemperatur zu bleibenden Schäden führen, der Untergang von Keimzellen beginnt schon im ersten Lebensjahr. Selbst nach erfolgreicher Behandlung in der Kindheit bleibt oft eine eingeschränkte Fruchtbarkeit zurück.

Einseitiger vs. beidseitiger Hodenhochstand

Bei einseitigem Hodenhochstand kompensiert der gesunde Hoden oft gut: Laut EAU-Leitlinie werden fast ebenso viele dieser Männer Vater wie Männer ohne Hodenhochstand (89,7 gegenüber 93,7 Prozent). Anders bei beidseitigem Hodenhochstand: Auch nach erfolgreicher Behandlung haben 75 Prozent eine verminderte Spermienzahl, 42 Prozent gar keine Spermien im Ejakulat.

In der andrologischen Sprechstunde landen Betroffene meist erst als Erwachsene. Für die Fruchtbarkeit ist dann oft schon viel entschieden. Wichtig ist die frühzeitige Behandlung in der Kindheit.

Weitere anatomische Ursachen

Verschlüsse der Samenwege durch Infektionen oder angeborene Fehlbildungen blockieren den Samentransport. Trotz normaler Spermienproduktion finden sich dann keine oder wenige Spermien im Ejakulat.

Die TESE-Operation kann hier helfen. Dabei werden Spermien direkt aus dem Hoden entnommen und für eine ICSI-Behandlung verwendet.

Blutproben für Hormontests bei männlicher Unfruchtbarkeit im Labor

Genetische Ursachen

Die Genetik spielt eine größere Rolle bei männlicher Unfruchtbarkeit, als viele denken. Bei der Abklärung werden regelmäßig genetische Störungen gefunden, die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Das Verständnis dieser Ursachen hilft bei der Beratung und Behandlungsplanung.

Klinefelter-Syndrom: Die häufigste chromosomale Ursache

Beim Klinefelter-Syndrom haben Männer ein zusätzliches X-Chromosom (47,XXY statt 46,XY). Es ist die häufigste Abweichung der Geschlechtschromosomen. In einer großen andrologischen Auswertung betraf es 2,6 Prozent aller Patienten und 13,7 Prozent der Männer ohne Spermien im Ejakulat. Das Klinefelter-Syndrom ist oft die Ursache für schwere Oligozoospermie oder komplette Azoospermie.

Typisch sind kleine, feste Hoden und Zeichen eines Testosteronmangels. Das Erscheinungsbild ist aber sehr unterschiedlich.

Behandlungsmöglichkeiten beim Klinefelter-Syndrom

Die Testosteronproduktion ist meist vermindert. Eine Testosteronersatztherapie kann die Beschwerden des Mangels lindern, unterdrückt aber die ohnehin eingeschränkte Spermienproduktion zusätzlich.

Bei Kinderwunsch wird deshalb auf Testosteron verzichtet. Eine hormonelle Stimulation hilft bei dieser Form (primärer Hypogonadismus) laut EAU-Leitlinie nicht. Die wichtigste Option ist eine Mikro-TESE: Damit lassen sich in bis zu 50 Prozent der Fälle Spermien gewinnen.

Y-Chromosom-Deletionen: Wenn Gene für die Fruchtbarkeit fehlen

Kleine Löcher im Y-Chromosom können große Auswirkungen haben. Je nach betroffener Region (AZFa, AZFb oder AZFc) reicht das Spektrum von schwerer Oligozoospermie bis zur kompletten Azoospermie.

Y-Deletionen finden sich laut EAU-Leitlinie bei 8 bis 12 Prozent der Männer ohne Spermien im Ejakulat und bei 3 bis 7 Prozent der Männer mit stark verminderter Spermienzahl. Die Diagnostik ist einfach: Ein Bluttest zeigt die Deletion. Wichtig für die Beratung: Söhne erben die Deletion vom Vater. Bei vollständigen Deletionen, die AZFa und AZFb betreffen, sind die Chancen so schlecht, dass die Leitlinie von einer TESE abrät.

AZFc-Deletionen: Noch Hoffnung auf eigene Spermien

Bei AZFc-Deletionen lassen sich in 50 bis 75 Prozent der Fälle noch Spermien im Hoden finden (per TESE). Die Prognose ist deutlich besser als bei anderen Deletionen.

Für diese Männer ist eine besonders intensive genetische Beratung wichtig. Die Entscheidung für eine Behandlung betrifft nicht nur sie, sondern auch ihre potenziellen Söhne.

Zystische Fibrose: Nicht nur eine Lungenkrankheit

Mutationen im CFTR-Gen verursachen nicht nur zystische Fibrose, sondern auch angeborenes Fehlen der Samenwege (CAVD). Die Spermienproduktion ist normal, aber der Transport blockiert.

Ein beidseitiges Fehlen der Samenleiter findet sich laut EAU-Leitlinie bei etwa 1 Prozent der Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen. Rund 4 Prozent der Menschen europäischer Herkunft tragen eine Mutation im CFTR-Gen. Das hat Konsequenzen für die Familienplanung: Ist auch die Partnerin Trägerin, können die Kinder an zystischer Fibrose erkranken.

Weitere genetische Ursachen

Robertsonsche Translokationen und andere Chromosomenstörungen können zu wiederholten Fehlgeburten führen, auch wenn die Befruchtung gelingt. Eine genetische Diagnostik klärt die Ursache.

Monogene Störungen wie Mutationen in Genen für Zilienproteine verursachen das Kartagener-Syndrom mit unbeweglichen Spermien. Die Diagnostik wird immer präziser. Die Behandlungsmöglichkeiten bleiben aber begrenzt.

Lebensstil-Faktoren

Der moderne Lebensstil kann der männlichen Fruchtbarkeit erheblich schaden. Das Positive daran: Diese Faktoren können Männer selbst beeinflussen. Oft braucht es nur den richtigen Anstoß und realistische Ziele.

Rauchen: Der Feind der Spermien

Die Datenlage ist eindeutig: Raucher haben schlechtere Spermienqualität. Konzentration, Beweglichkeit und Form der Spermien leiden unter dem Tabakkonsum. Auch das genetische Material wird geschädigt.

Eine große Meta-Analyse mit 20 Studien und 5.865 Teilnehmern bestätigt den Zusammenhang zwischen Rauchen und schlechteren Spermienwerten. Rauchende Männer bilden im Schnitt weniger Spermien, und im Sperma finden sich mehr genetische Schäden.

Was ein Rauchstopp bewirken kann

Beispiel: Ein 34-jähriger Mann raucht seit 15 Jahren 40 Zigaretten am Tag, sein Spermiogramm ist deutlich eingeschränkt. Mit dem Rauchstopp fällt ein wichtiger Störfaktor weg. Bis sich das im Befund zeigt, braucht es allerdings Geduld.

Der Rauchstopp lohnt sich immer. Weil neue Spermien gut drei Monate reifen, zeigt sich eine Verbesserung frühestens nach etwa drei Monaten im Spermiogramm.

Alkohol: Maß und Mitte sind entscheidend

Moderater Alkoholkonsum scheint die Spermienwerte laut einer großen Meta-Analyse nicht zu verschlechtern. Problematisch wird es bei regelmäßig mehr als zwei Drinks täglich: Viel Alkohol kann den Testosteronspiegel senken und der Fruchtbarkeit schaden.

Die gute Nachricht: Die Effekte sind laut familienplanung.de nach einem Verzicht meist umkehrbar.

Übergewicht: Mehr als ein kosmetisches Problem

Adipositas verändert das Hormonprofil. Testosteron sinkt, Östrogene steigen. Übergewicht kann die Hodenfunktion beeinträchtigen und die Spermienproduktion verringern.

Mechanismen der Übergewichts-Infertilität

Fettgewebe produziert Aromatase, ein Enzym, das Testosteron zu Östrogen umwandelt. So kann ein durch Übergewicht bedingter Testosteronmangel entstehen.

Diskutiert werden außerdem eine gestörte Temperaturregulation im Hodensack, mehr Entzündungsprozesse und mehr oxidativer Stress. All das kann der empfindlichen Spermienproduktion schaden.

Erfolgsfaktor Gewichtsreduktion

Abnehmen kann die Spermienwerte verbessern, das legen Beobachtungsstudien nahe. Die Ergebnisse kontrollierter Studien sind allerdings widersprüchlich. Abnehmen kann aber einen durch Übergewicht bedingten Testosteronmangel bessern. Sinnvoll ist eine Kombination aus Ernährungsumstellung und Sport.

Hitze: Der unterschätzte Feind

Die Hoden hängen nicht ohne Grund außerhalb des Körpers. Für die Spermienbildung müssen sie möglichst gleichmäßig etwa 2 Grad kühler sein als die normale Körpertemperatur. Überhitzung kann die Spermienproduktion beeinträchtigen.

Laptops auf dem Schoß, häufige Saunabesuche, enge Unterwäsche oder sitzende Tätigkeiten können problematisch werden. Auch eine kürzlich überstandene, fieberhafte Erkrankung beeinflusst laut WHO die Werte im Spermiogramm.

Stress: Belastung für Körper und Partnerschaft

Ob Stress die Spermienqualität direkt verschlechtert, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Klar ist: Der unerfüllte Kinderwunsch selbst ist für viele Paare eine große Belastung, auch für die Libido.

Entspannungstechniken, Sport oder psychologische Beratung können helfen, besser mit der Situation umzugehen.

Spermiogramm-Analyse unter dem Mikroskop im Andrologie-Labor

Diagnostik: Spermiogramm und darüber hinaus

Die moderne Andrologie geht weit über das einfache Spermiogramm hinaus. Üblich ist ein mehrstufiges Diagnostikkonzept, das je nach Befund erweitert wird. Ziel ist es, die Ursache der Unfruchtbarkeit zu finden und darauf basierend zu behandeln. Welche Wege es gibt, vom Heimtest bis zum Kinderwunschzentrum, und was sie aussagen, vergleicht der Ratgeber Fruchtbarkeitstest beim Mann.

Das Spermiogramm: Grundlage der Diagnostik

Jede andrologische Untersuchung beginnt mit dem Spermiogramm. Nach 2 bis 7 Tagen ohne Samenerguss (so die WHO) wird die Probe durch Masturbation gewonnen, idealerweise in der Praxis, um Transportschäden zu vermeiden.

Die WHO-Referenzwerte von 2021 beschreiben die untere 5. Perzentile von Männern, deren Partnerin innerhalb eines Jahres schwanger wurde:

  • Volumen: ≥ 1,4 ml
  • Konzentration: ≥ 16 Millionen/ml
  • Gesamtzahl: ≥ 39 Millionen pro Ejakulat
  • Motilität: ≥ 42% beweglich
  • Morphologie: ≥ 4% normal geformt

Interpretation: Mehr als nur Zahlen

Ein schlechtes Spermiogramm heißt nicht automatisch Unfruchtbarkeit. Manche Paare werden trotz miserabler Werte spontan schwanger. Umgekehrt garantieren gute Werte keine Fruchtbarkeit.

Entscheidend ist das Gesamtbild. Laut WHO sind die Referenzwerte ausdrücklich keine Grenze zwischen fruchtbar und unfruchtbar. Bei auffälligen Befunden wird das Spermiogramm meist nach 8 bis 12 Wochen wiederholt, denn die Werte können von Probe zu Probe stark schwanken.

Erweiterte Spermiendiagnostik

Reicht das Standardspermiogramm nicht aus, kommen zusätzliche Tests zum Einsatz:

DNA-Fragmentierung: Misst Schäden am Erbgut der Spermien. Laut EAU-Leitlinie gilt ein Anteil von 25 Prozent geschädigter Spermien (gemessen mit dem SCSA-Test) als Schwelle, ab der die Chancen auf eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg oder per IUI sinken. Werte über 50 Prozent sind mit schlechteren IVF-Ergebnissen verbunden.

Akrosomreaktion: Prüft, ob Spermien die Eizellhülle durchdringen können. Gestörte Reaktionen können Hinweise bei unerklärlichen IVF-Misserfolgen geben.

Hypoosmotischer Schwelltest: Testet die Membranintegrität. Wichtig bei schlechter Beweglichkeit oder vor ICSI.

Hormondiagnostik: Das endokrine Profil

Parallel zum Spermiogramm werden wichtige Hormone bestimmt:

  • FSH und LH: Zeigen, ob die Stimulation der Hoden funktioniert
  • Testosteron: Am besten morgens
  • Prolaktin: Bei Verdacht auf Hyperprolaktinämie
  • Schilddrüsenhormone: TSH, T3, T4 bei entsprechender Klinik

Interpretation der Hormonwerte

Erhöhtes FSH deutet auf eine Schädigung der Hoden hin. Niedriges FSH bei schlechtem Spermiogramm spricht für eine hormonelle Ursache, oft gut behandelbar.

Testosteron allein reicht nicht aus. Wichtig ist auch das freie oder bioverfügbare Testosteron. SHBG kann die Interpretation erheblich beeinflussen.

Körperliche Untersuchung: Der Blick aufs Ganze

Die Untersuchung beginnt mit dem Gesamteindruck: Körperbau, Behaarung, Stimme können Hinweise auf Hormonstörungen geben. Die Genitaluntersuchung erfolgt im Stehen und Liegen.

Hodengröße: In der europäischen Allgemeinbevölkerung sind Hoden im Schnitt etwa 20 ml groß (plus/minus 5 ml), gemessen mit dem Orchidometer. Einheitliche Normwerte gibt es laut EAU-Leitlinie nicht. Kleine Hoden produzieren meist weniger Spermien.

Konsistenz: Weiche Hoden können auf Hormonstörungen hinweisen, harte auf Tumore oder Vernarbungen.

Nebenhoden: Verhärtungen oder Zysten können den Samentransport behindern.

Varikozele-Diagnostik

Die Untersuchung erfolgt im Stehen bei warmem Raum. Abgetastet wird systematisch entlang des Samenstrangs, während der Patient presst. Doppler-Ultraschall kann grenzwertige Befunde objektivieren.

Nicht jede Varikozele ist behandlungsbedürftig. Entscheidend sind Beschwerden, Hodengröße und vor allem die Spermienqualität.

Weiterführende Diagnostik

Bei besonderen Fragestellungen helfen zusätzliche Verfahren:

Genetische Diagnostik: Laut EAU-Leitlinie eine Chromosomenanalyse (Karyotyp) bei Azoospermie oder weniger als 10 Millionen Spermien pro Milliliter, ein Test auf Y-Chromosom-Deletionen bei höchstens 1 Million Spermien pro Milliliter (zu erwägen unter 5 Millionen) und eine CFTR-Analyse bei fehlenden Samenleitern.

Transrektaler Ultraschall: Bei Verdacht auf Samenwegsverschlüsse oder Zysten.

Hodenbiopsie: Nur noch selten nötig, meist direkt im Rahmen einer TESE-Operation.

Androloge erklärt Behandlungsoptionen bei männlicher Unfruchtbarkeit

Behandlungsmöglichkeiten nach Ursache

Die Therapie männlicher Unfruchtbarkeit richtet sich nach der zugrundeliegenden Ursache. Andrologen verfolgen dabei meist einen stufenweisen Ansatz: von der einfachsten zur komplexesten Behandlung. Dabei ist Geduld gefragt: Neue Spermien reifen in gut drei Monaten heran.

Hormonelle Behandlungen: Oft der erste Schritt

Bei einem sekundären Hypogonadismus, also wenn das Signal aus Gehirn oder Hirnanhangsdrüse fehlt, sind die Erfolgsaussichten gut. Sind dagegen die Hoden selbst geschädigt (primärer Hypogonadismus), hilft eine Hormontherapie laut EAU-Leitlinie nicht.

Hypogonadotroper Hypogonadismus: Stimulation statt Ersatz

Anstatt Testosteron zu ersetzen, wird die körpereigene Produktion stimuliert. HCG (humanes Choriongonadotropin) ahmt das luteinisierende Hormon nach und regt die Testosteron- und Spermienproduktion an.

Typisches Vorgehen laut EAU-Leitlinie: Start mit 250 IE hCG zweimal pro Woche, bei Bedarf Steigerung auf bis zu 2.000 IE zweimal pro Woche. Das Spermiogramm wird alle drei Monate kontrolliert. Reicht die Wirkung nicht, wird FSH ergänzt, eine Kombination von Anfang an ist ebenfalls möglich.

Clomifencitrat: Der Klassiker der Stimulation

Bei leichten hormonellen Störungen kommt oft Clomifencitrat zum Einsatz. Es blockiert Östrogen-Rezeptoren im Gehirn und steigert so die körpereigene FSH- und LH-Produktion.

Für Männer ist Clomifen nicht zugelassen, der Einsatz erfolgt off-label. Für Männer mit unerklärt eingeschränkten Werten sieht die EAU-Leitlinie keine schlüssigen Daten für Wirkstoffe wie Clomifen. Mehr Belege gibt es dort für eine FSH-Behandlung, wenn der FSH-Wert im Normbereich liegt.

Hyperprolaktinämie: Schnelle Hilfe mit Dopaminagonisten

Erhöhtes Prolaktin lässt sich meist einfach behandeln. Dopaminagonisten wie Cabergolin oder Bromocriptin senken die Werte. Ist ein Medikament der Auslöser, wird es nach Möglichkeit abgesetzt. Laut EAU-Leitlinie kann die Behandlung die Spermienqualität verbessern.

Wichtig ist die Ursachenabklärung: MRT-Untersuchung bei deutlich erhöhten Werten.

Operative Behandlungen: Anatomie korrigieren

Mechanische Probleme erfordern meist operative Korrekturen. Die Erfolgsraten sind gut, wenn die Indikation stimmt.

Varikozelen-Operation: Der Klassiker

Die mikroskopische Varikozelenoperation kann ambulant in örtlicher Betäubung erfolgen. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste werden die erweiterten Venen unter dem Mikroskop verschlossen.

Erfolgsraten: Bei Männern mit tastbarer Varikozele und auffälligen Werten verbessern sich die Spermienwerte meist, und die Chance auf eine Schwangerschaft steigt. Ein Cochrane-Review von 2021 fand gegenüber keiner oder späterer Behandlung eine um etwa die Hälfte höhere Schwangerschaftsrate (relatives Risiko 1,55).

Komplikationen sind selten: Bei der mikrochirurgischen Operation über die Leiste oder unterhalb davon liegt die Rückfallrate laut EAU-Leitlinie bei 0,4 Prozent, eine Wasseransammlung im Hodensack (Hydrozele) tritt in 0,44 Prozent der Fälle auf.

Verschlüsse der Samenwege: Mikrochirurgie gefragt

Bei Verschlüssen der Nebenhoden oder Samenleiter kommt eine mikrochirurgische Rekonstruktion infrage. Die Operation ist anspruchsvoll, aber bei guter Indikation erfolgreich.

Vasoepididymostomie: Verbindung zwischen Nebenhoden und Samenleiter. Laut EAU-Leitlinie Durchgängigkeit: 63 bis 85 Prozent, natürliche Schwangerschaft: 21 bis 45 Prozent.

Vasovasostomie: Wiederherstellung nach Vasektomie. Durchgängigkeit: 90 bis 97 Prozent, Schwangerschaft: 52 bis 73 Prozent.

Antibiotikabehandlung: Bei nachgewiesenen Infektionen

Bakterielle Infektionen der Prostata oder Nebenhoden können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Antibiotika können die Spermienqualität verbessern. Dass die Behandlung einer chronischen Prostatitis die Chance auf eine natürliche Schwangerschaft erhöht, ist laut EAU-Leitlinie aber nicht belegt.

Mögliche Erreger sind zum Beispiel Chlamydien. Welches Antibiotikum wie lange gegeben wird, hängt vom Erreger ab.

Antioxidative Therapie: Ergänzung zur Hauptbehandlung

Oxidativer Stress schädigt Spermien. Antioxidantien können die Spermienwerte möglicherweise verbessern, sind aber nie die alleinige Therapie. Laut EAU-Leitlinie gibt es keine schlüssigen Daten, welche Wirkstoffe in welcher Dosis helfen. In der großen MOXI-Studie verbesserten Antioxidantien weder die Spermienwerte noch die DNA-Qualität.

Eingesetzt werden meist Kombinationen aus:

  • Vitamin E
  • Vitamin C
  • Coenzym Q10
  • Selen
  • Zink

Mehr ist dabei nicht besser: Halte dich an die Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel und sprich die Dosierung ärztlich ab. Sinnvoll ist eine Anwendung über mindestens drei Monate, weil neue Spermien so lange reifen.

Reproduktionsmedizinische Verfahren

Reichen konservative Maßnahmen nicht aus, kommen reproduktionsmedizinische Verfahren zum Einsatz. Die Auswahl richtet sich nach der Schwere der Störung.

IUI: Der sanfte Einstieg

Bei leichten bis mittleren Störungen der Spermienqualität kommt die intrauterine Insemination (IUI) infrage. Aufbereitete Spermien werden direkt in die Gebärmutter gespült.

Voraussetzungen: ausreichend bewegliche Spermien nach der Aufbereitung, durchgängige Eileiter, ovulationsfähige Partnerin.

Erfolgsraten: Laut Deutschem IVF-Register kam es 2024 bei 10,3 Prozent der Inseminationen mit Partnersamen zu einer klinischen Schwangerschaft, die Geburtenrate lag 2023 bei 6,3 Prozent pro Insemination. Die Kosten sind überschaubar. Die Belastung gering.

IVF/ICSI: Die höhere Liga

Bei schweren Störungen führt kein Weg an IVF oder ICSI vorbei. ICSI ist bei männlicher Unfruchtbarkeit meist die Methode der Wahl: Ein einzelnes Spermium wird direkt in die Eizelle injiziert.

Fazit

Männliche Unfruchtbarkeit ist häufig: Bei rund der Hälfte aller ungewollt kinderlosen Paare ist ein männlicher Faktor beteiligt. Am Anfang der Abklärung steht das Spermiogramm, ergänzt um Hormonwerte, körperliche Untersuchung und bei Bedarf genetische Tests. Viele Ursachen wie eine Varikozele oder ein sekundärer Hypogonadismus lassen sich gezielt behandeln, ein gesünderer Lebensstil kann die Werte zusätzlich verbessern. Selbst wenn keine Spermien im Ejakulat sind, bieten TESE und ICSI oft noch einen Weg zum eigenen Kind. Wenn du wissen willst, wo du anfangen sollst, hilft dir unser Online-Berater.

Quellen

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Über diesen Artikel

Fertilio Redaktion

Die Fertilio Redaktion recherchiert Kinderwunsch-Themen anhand von Fachquellen wie dem Deutschen IVF-Register, medizinischen Leitlinien und Gesetzestexten. Die Quellen stehen jeweils am Ende des Artikels. Die Inhalte ersetzen keine ärztliche Beratung.