Du hältst deinen ersten Spermiogramm-Befund in der Hand und fragst dich: "Sind meine Werte gut?" Diese Frage beschäftigt jeden Mann, der sich Gedanken über seine Fruchtbarkeit macht. Hier erfährst du, was die Zahlen bedeuten und welche Werte tatsächlich relevant sind.
Die gute Nachricht vorweg: Ein einzelnes Spermiogramm ist nur eine Momentaufnahme. Deine Fruchtbarkeit hängt von vielen Faktoren ab. Die schlechte Nachricht? Viele Männer interpretieren ihre Werte völlig falsch.
Dieser Ratgeber zeigt dir, welche Parameter wirklich wichtig sind und ab wann du dir Sorgen machen solltest.
Übersicht aller Spermiogramm-Parameter

Das Spermiogramm untersucht dein Ejakulat nach standardisierten Kriterien. Jeder Parameter gibt Aufschluss über verschiedene Aspekte deiner Spermienproduktion und -funktion.
Makroskopische Parameter
Die ersten Werte werden mit bloßem Auge oder einfachen Hilfsmitteln bestimmt. Das Volumen zeigt, wie viel Samenflüssigkeit du produzierst. Zu wenig kann auf Probleme mit den Samenbläschen hinweisen. Zu viel ist meist unproblematisch.
Der pH-Wert spiegelt das Säure-Basen-Verhältnis wider. Ein Wert unter 7,2 kann laut WHO darauf hinweisen, dass das basische Sekret der Samenbläschen fehlt. Die Verflüssigungszeit ist entscheidend: Wird das Ejakulat nicht richtig flüssig, bleiben Spermien "gefangen".
Die Viskosität beschreibt, wie zähflüssig dein Sperma ist. Denk an Honig versus Wasser. Zu dickflüssig behindert die Beweglichkeit.
Mikroskopische Parameter

Hier wird es spannend. Die Spermienkonzentration zeigt, wie viele Spermien pro Milliliter schwimmen. Multipliziert mit dem Volumen erhältst du die Gesamtspermienzahl. Laut WHO hat sie mehr Aussagekraft als die Konzentration allein.
Die Motilität unterteilt sich in verschiedene Bewegungstypen:
- Progressive Motilität: vorwärts schwimmend, seit 2021 wieder unterteilt in schnell und langsam progressiv
- Non-progressive Motilität: Bewegung ohne Vorwärtskommen, etwa auf der Stelle oder im Kreis
- Immotil: bewegungslos
Morphologie und weitere Parameter
Die Morphologie bewertet das Aussehen der Spermien. Sind Kopf, Mittelstück und Schwanz normal geformt? Die Bewertung folgt sehr strengen Kriterien. Deshalb gelten schon 4 Prozent normal geformte Spermien als unauffällig.
Die Vitalität zeigt, wie viele Spermien noch leben. Manchmal sind lebende Spermien nur temporär bewegungslos.
Leukozyten sind weiße Blutkörperchen. Zu viele deuten auf eine Entzündung hin. MAR-Test und Immunobead-Test suchen nach Antikörpern, die deine eigenen Spermien angreifen.
Referenzwerte nach WHO-Standards 2021
Die Weltgesundheitsorganisation hat ihre Referenzwerte 2021 mit der 6. Auflage ihres Laborhandbuchs aktualisiert. Sie basieren auf Daten von rund 3.500 Männern aus 12 Ländern, deren Partnerinnen innerhalb von 12 Monaten schwanger wurden.
| Parameter | WHO-Referenzwert 2021 | Frühere Werte (2010) |
|---|---|---|
| Volumen | ≥ 1,4 ml | ≥ 1,5 ml |
| Spermienkonzentration | ≥ 16 Mio/ml | ≥ 15 Mio/ml |
| Gesamtspermienzahl | ≥ 39 Millionen | ≥ 39 Millionen |
| Progressive Motilität | ≥ 30% | ≥ 32% |
| Gesamtmotilität | ≥ 42% | ≥ 40% |
| Normale Morphologie | ≥ 4% | ≥ 4% |
| Vitalität | ≥ 54% | ≥ 58% |
pH-Wert und Leukozyten stehen nicht in der Referenztabelle von 2021. Ein pH unter 7,2 und viele weiße Blutkörperchen sind aber Befunde, die genauer abgeklärt werden sollten.
Was bedeuten diese Anpassungen?
Die neuen Werte sind teilweise weniger streng (Volumen, progressive Motilität, Vitalität), teilweise etwas strenger (Konzentration, Gesamtmotilität). Wichtig ist vor allem: Die Grenzwerte sind die 5. Perzentile der Referenzgruppe. Laut WHO sind sie ausdrücklich keine Trennlinie zwischen fruchtbaren und unfruchtbaren Männern. Auch Männer mit vermeintlich "schlechteren" Werten können Väter werden.
Besonders interessant: Das minimal erforderliche Volumen sank auf 1,4 ml. Viele Männer machen sich etwa wegen 1,2 ml Sorgen. Das ist zwar unter dem Referenzwert, aber nicht automatisch problematisch.
Unterschiede zwischen Ländern

Deutschland, Österreich und die Schweiz orientieren sich alle am WHO-Laborhandbuch. In der Praxis kann sich die Bewertung trotzdem von Labor zu Labor unterscheiden, etwa wenn ein Befund noch die älteren Grenzwerte von 2010 verwendet. Schau deshalb nach, welche Referenzwerte auf deinem Befund stehen, und frag im Zweifel nach.
Interpretation: Normal-, Grenz- und kritische Bereiche
Die WHO-Werte sind Untergrenzen, keine Optimalwerte. Zur Einordnung hilft ein einfaches Ampelsystem. Grundlage sind die Verteilungen der WHO-Referenzgruppe, also von Männern, deren Partnerin innerhalb eines Jahres schwanger wurde.
Grüner Bereich: Gute Werte
Diese Werte erreichten drei von vier Männern der WHO-Referenzgruppe (25. Perzentile):
- Volumen: ab 2,3 ml
- Konzentration: ab 36 Mio/ml
- Gesamtzahl: ab 108 Millionen
- Progressive Motilität: ab 45%
- Morphologie: ab 8%
Mit diesen Werten bist du, was das Spermiogramm angeht, gut aufgestellt. Eine Garantie für eine Schwangerschaft ist das aber nicht.
Gelber Bereich: Grenzwerte
Zwischen WHO-Minimum und grünem Bereich liegst du im gelben Bereich. Die Werte sind unauffällig, liegen aber im unteren Viertel der Referenzgruppe:
- Volumen: 1,4 bis 2,3 ml
- Konzentration: 16 bis 36 Mio/ml
- Gesamtzahl: 39 bis 108 Millionen
- Progressive Motilität: 30 bis 45%
- Morphologie: 4 bis 8%
Hier macht eine Wiederholung nach 2 bis 3 Monaten Sinn. Ob Vitamine bei Kinderwunsch die Werte verbessern, ist nicht eindeutig belegt, ein Blick auf das Thema lohnt sich trotzdem.
Roter Bereich: Kritische Werte
Unter den WHO-Referenzwerten wird es schwierig:
- Volumen: < 1,4 ml
- Konzentration: < 16 Mio/ml
- Gesamtzahl: < 39 Millionen
- Progressive Motilität: < 30%
- Morphologie: < 4%
Aber Achtung: Auch hier sind natürliche Schwangerschaften möglich! Statistisch seltener, aber nicht unmöglich.
Extreme Werte und ihre Bedeutung
Azoospermie bedeutet: keine Spermien im Ejakulat. Klingt dramatisch. Ist aber oft behandelbar. Manchmal verstecken sich Spermien im Hoden.
Oligozoospermie heißt: zu wenige Spermien, also eine Gesamtzahl unter 39 Millionen oder eine Konzentration unter 16 Millionen pro Milliliter. Je niedriger die Werte, desto schwieriger wird es auf natürlichem Weg, aber moderne Methoden wie ICSI können helfen.
Asthenozoospermie: schlechte Beweglichkeit, also weniger als 30 Prozent progressiv bewegliche Spermien. Mögliche Ursachen sind unter anderem Entzündungen, oft bleibt die Ursache aber unklar.
Teratozoospermie: zu viele abnorm geformte Spermien, also weniger als 4 Prozent Normalformen.
Kombinationseffekte verstehen
Nicht selten sind mehrere Parameter gleichzeitig betroffen:
- Oligoasthenozoospermie: wenige, schlecht bewegliche Spermien
- Oligoasthenoteratozoospermie: wenige, schlecht bewegliche, abnorm geformte Spermien
Je mehr Parameter betroffen sind, desto komplexer wird die Behandlung. Aber verzweifeln ist nicht angebracht.
Was bedeuten Abweichungen für die Fruchtbarkeit?
Die entscheidende Frage: Kann ich noch Vater werden? Die Antwort ist fast immer: Ja. Der Weg kann aber unterschiedlich sein.
Natürliche Schwangerschaft

Wie hoch die Chance auf eine Schwangerschaft pro Zyklus ist, hängt stark vom Alter der Partnerin und vielen weiteren Faktoren ab. Gute Spermiogramm-Werte verbessern die Ausgangslage, garantieren aber nichts.
Bei Werten im Grenzbereich klappt es bei vielen Paaren trotzdem, manchmal dauert es nur länger. Geduld und ein gesunder Lebensstil zahlen sich aus.
Bei Werten unterhalb der WHO-Grenzen können die Chancen geringer sein. Bleibt eine Schwangerschaft nach 12 Monaten aus, empfiehlt die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie (EAU), beide Partner untersuchen zu lassen. Hier solltest du über Unterstützung nachdenken.
Wann ist assistierte Befruchtung nötig?
IUI (Intrauterine Insemination): Bei leichten Einschränkungen kann das Einbringen aufbereiteter Spermien direkt in die Gebärmutter helfen. Voraussetzung sind ausreichend bewegliche Spermien nach der Aufbereitung.
IVF: Bei mäßigen Problemen werden Eizellen außerhalb des Körpers befruchtet. Hier reichen oft schon weniger Spermien.
ICSI: Die Königsdisziplin. Ein einzelnes Spermium wird direkt in die Eizelle injiziert. Selbst bei extremen Einschränkungen möglich. Mehr dazu findest du in unserem ICSI vs. IVF Vergleich.
Alterseffekte nicht vergessen
Deine Partnerin ist über 35? Dann spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Die Zeit wird kostbarer, auch bei guten Spermiogramm-Werten.
Lifestyle-Faktoren: Was du selbst tun kannst
Schlechte Werte sind nicht in Stein gemeißelt. Laut EAU-Leitlinie können Abnehmen, mehr Bewegung, ein Rauchstopp und weniger Alkohol die Spermienwerte verbessern:
Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung ist die Basis. Antioxidantien, Zink oder Selen werden oft empfohlen, die Studienlage dazu ist aber widersprüchlich.
Sport: Regelmäßige Bewegung ist laut einer Meta-Analyse mit besseren Spermienwerten verbunden, das gilt für moderate wie für intensivere Freizeitaktivität.
Schlaf: Achte auf ausreichend und regelmäßigen Schlaf. Er tut dem Hormonhaushalt und dem allgemeinen Wohlbefinden gut.
Stress: Ob Stress die Spermienqualität direkt verschlechtert, ist nicht eindeutig belegt. Entspannung tut aber dir, deiner Partnerschaft und dem Umgang mit dem Kinderwunsch gut.
Rauchen und Alkohol: Rauchen hängt klar mit schlechteren Spermienwerten zusammen. Moderater Alkoholkonsum scheint die Werte nicht zu verschlechtern, viel Alkohol dagegen schon. Der Verzicht lohnt sich.
Medizinische Ursachen erkennen
Manchmal stecken behandelbare Erkrankungen dahinter:
- Varikozele: Krampfadern am Hoden
- Infektionen: oft symptomlos
- Hormonelle Störungen: Testosteron, FSH, LH prüfen
- Medikamente: manche beeinflussen die Spermienproduktion
Timing der Untersuchung
Ein Spermiogramm ist nur eine Momentaufnahme. Der Reifeprozess neuer Spermien dauert gut drei Monate. Eine Krankheit, vor allem mit Fieber, oder Medikamente aus dieser Zeit können sich noch auswirken.
Deshalb gilt als Faustregel:
- Bei grenzwertigen oder auffälligen Befunden: Wiederholung nach 2 bis 3 Monaten
- Bei kritischen Werten: zügig weitere Diagnostik
- Bei guten Werten: neue Kontrolle vor allem dann, wenn sich der Kinderwunsch verzögert
Psychologische Aspekte
Schlechte Spermiogramm-Werte können die Psyche belasten. Männlichkeitsgefühl und Selbstwert leiden oft. Das ist normal, aber nicht hilfreich.
Du bist mehr als deine Spermienzahl. Moderne Medizin bietet viele Lösungen. Das richtige Kinderwunschzentrum macht den Unterschied.
Kostenaspekte berücksichtigen
Die Untersuchung selbst ist überschaubar. Behandlungen können teurer werden:
Deutschland: Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt bei verheirateten Paaren 50% der Kosten für bis zu drei IVF- oder ICSI-Versuche. Voraussetzungen sind unter anderem ein genehmigter Behandlungsplan, ein Mindestalter von 25 Jahren und die Altersgrenzen von 40 (Frau) und 50 (Mann).
Österreich: Der IVF-Fonds übernimmt 70% der Kosten für bis zu vier Versuche, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, etwa eine anerkannte Indikation und die Altersgrenzen.
Schweiz: Die Grundversicherung zahlt die Abklärung und Inseminationen (höchstens drei Zyklen pro Schwangerschaft), IVF und ICSI dagegen nicht.
Langzeitprognosen
Mit modernen Methoden wie ICSI haben auch viele Männer mit stark eingeschränkten Werten eine Chance auf ein eigenes Kind. Selbst wenn im Ejakulat keine Spermien zu finden sind, gelingt es bei gestörter Spermienproduktion in rund der Hälfte der Fälle, Spermien direkt aus dem Hoden zu gewinnen (TESE).
Die Medizin entwickelt sich rasant weiter. Was heute unmöglich erscheint, kann morgen Routine sein.
Häufige Fragen
Kann sich ein schlechtes Spermiogramm von selbst verbessern?
Ja, das ist gut möglich. Neue Spermien reifen in gut drei Monaten heran. Verbesserst du in dieser Zeit deinen Lebensstil, können sich die Werte erholen.
Laut EAU-Leitlinie können Abnehmen, mehr Bewegung, ein Rauchstopp und weniger Alkohol die Spermienwerte verbessern.
Vorübergehende Ursachen wie eine fieberhafte Erkrankung oder bestimmte Medikamente verschwinden oft von selbst. Deshalb ist bei grenzwertigen Befunden Geduld oft die beste Medizin.
Wie oft sollte ich ein Spermiogramm wiederholen?
Das hängt von deinen Werten ab. Bei unauffälligen Befunden ist eine Wiederholung meist nur nötig, wenn sich der Kinderwunsch weiter verzögert oder neue Risikofaktoren dazukommen.
Auffällige oder grenzwertige Befunde werden in der Regel nach 8 bis 12 Wochen kontrolliert. Veränderungen zeigen sich erst mit neu gebildeten Spermien im Befund, frühere Kontrollen sind deshalb wenig aussagekräftig.
Bei kritischen Werten oder wenn eine Behandlung ansteht, sind engmaschigere Kontrollen sinnvoll. Manchmal sind auch spezielle Tests wie DNA-Fragmentierung oder Akrosomreaktion sinnvoll.
Beeinflussen Krankheiten die Spermiogramm-Werte?
Ja. Laut WHO beeinflusst vor allem eine kürzlich überstandene, fieberhafte Erkrankung die Werte. Weil neue Spermien gut drei Monate reifen, kann sich eine Krankheit noch Wochen später im Spermiogramm zeigen.
Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder starkes Übergewicht können die Fruchtbarkeit ebenfalls beeinflussen. Deshalb gehört eine gründliche Anamnese zu jeder Spermiogramm-Auswertung.
Medikamente sind oft übersehene Verursacher. Manche Wirkstoffe können die Spermienproduktion beeinträchtigen. Lass deine Medikamentenliste vom Andrologen prüfen.
Sind teure Nahrungsergänzungsmittel für die Spermienqualität sinnvoll?
Die meisten überteuerten "Fruchtbarkeitspillen" sind Geldverschwendung. Eine ausgewogene Ernährung deckt normalerweise alle Bedürfnisse ab.
Sinnvoll können sein: Zink, Selen oder Vitamin D, aber vor allem bei nachgewiesenem Mangel. Ein Bluttest zeigt, was du wirklich brauchst.
Antioxidantien wie Vitamin C und E sollen oxidativen Stress verringern. Ob sie die Chance auf ein Kind verbessern, ist laut Cochrane-Review und EAU-Leitlinie nicht sicher belegt, die Studien sind von geringer Qualität. Auch hier gilt: Maß halten. Mehr ist nicht immer besser.
Quellen
- WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen, 6th edition, World Health Organization, 2021
- Fruchtbarkeitsuntersuchungen beim Mann, familienplanung.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit), 2026
- Spermien und männliche Fruchtbarkeit, familienplanung.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit), 2026
- EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health: Male Infertility, European Association of Urology, 2026
- Antioxidants for male subfertility, Cochrane Database of Systematic Reviews (Smits et al.), 2019
- § 27a SGB V: Künstliche Befruchtung, Bundesministerium der Justiz, Stand 2026
- IVF-Fonds-Gesetz, Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Stand 2026
- Krankenpflege-Leistungsverordnung, Anhang 1 (Ausgabe 1. Juli 2026), Bundesamt für Gesundheit (BAG), 2026