Du denkst über eine Kinderwunschbehandlung nach und fragst dich, ob du die Kosten steuerlich absetzen kannst? Die gute Nachricht: Ja, das geht! In Deutschland kannst du deinen selbst getragenen Anteil als außergewöhnliche Belastung geltend machen. Steuerlich wirksam wird der Teil, der über deiner zumutbaren Eigenbelastung liegt, und die hängt von Einkommen, Familienstand und Kinderzahl ab.
Für viele Paare ist die finanzielle Belastung einer Kinderwunschbehandlung genauso herausfordernd wie die emotionale. Deshalb solltest du alle Möglichkeiten kennen, um deine Ausgaben zurückzuholen.
Die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderwunschkosten ist ein komplexes Thema. Sie hängt von vielen Faktoren ab: deinem Familienstand, der Art der Behandlung und sogar davon, ob du in Deutschland, Österreich oder der Schweiz lebst. Hier erfährst du, wie du das Maximum aus deiner Steuererklärung holst.
Was kannst du absetzen und was nicht
Die Grundregel ist einfach: Kinderwunschbehandlungen gelten als Krankheitskosten, wenn eine Fruchtbarkeitsstörung die Behandlung nötig macht und sie mit dem ärztlichen Berufsrecht und dem deutschen Recht vereinbar ist. Alles, was nur Wunsch ist, zählt nicht. Klingt erstmal klar, oder? Im Detail wird es komplizierter.
Das ist definitiv absetzbar
Behandlungskosten sind der große Posten. Eine IVF kostet Selbstzahler laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit rund 3.200 bis 3.600 Euro pro Versuch, eine ICSI ab rund 3.500 Euro. Einzelne Kliniken liegen bei der ICSI deutlich darüber, eine Münchner Praxis etwa bei 6.200 bis 6.900 Euro plus Narkose, Labor und Medikamente. Für die Hormonmedikamente nennen Kliniken 400 bis 2.000 Euro je Zyklus. Mehr dazu findest du unter IVF Kosten und ICSI Kosten. Ansetzen kannst du den Teil, den du selbst trägst. Steuerlich wirkt davon nur, was über deiner zumutbaren Belastung liegt.
Voruntersuchungen zählen auch. Das Spermiogramm, Blutuntersuchungen, Ultraschalltermine. Alles absetzbar, soweit du es selbst bezahlst. Sogar die Fahrtkosten zur Klinik kannst du ansetzen. Fährst du mit dem Auto, erkennt das Finanzamt laut den amtlichen Hinweisen zur Einkommensteuer (H 33.1-33.4 EStH) grundsätzlich nur den Betrag an, den Bus und Bahn gekostet hätten. Mehr gibt es nur, wenn es keine zumutbare Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gab.
Ein Rechenbeispiel: Ein gesetzlich versichertes Ehepaar macht 2025 drei IVF-Versuche mit genehmigtem Behandlungsplan. Dann rechnet die Klinik nach Kassensätzen ab, und die Kasse trägt die Hälfte. Nach den Einzelposten der Kinderwunschpraxis vitro-med liegt der Eigenanteil bei rund 1.486 Euro je IVF-Versuch, Medikamente inklusive. Bei drei Versuchen sind das rund 4.459 Euro. Diesen Betrag setzt das Paar als außergewöhnliche Belastung an. Steuerlich wirkt davon aber nur der Teil, der über seiner zumutbaren Belastung liegt.
Das geht leider nicht
Wellnessbehandlungen sind tabu. Die Akupunktur "zur Entspannung", die Massage "für bessere Durchblutung": ohne ärztliche Verordnung nicht absetzbar. Auch Nahrungsergänzungsmittel sind problematisch, außer der Arzt verschreibt sie konkret für die Behandlung.
Ebenfalls nicht absetzbar sind Behandlungen, die mit deutschem Recht unvereinbar sind. Der Bundesfinanzhof hat das für eine Eizellspende im Ausland (2022) und für eine Leihmutterschaft im Ausland (2023) ausdrücklich entschieden.
Grauzone: Präventive Maßnahmen
Hier wird es spannend. Social Freezing-Kosten von 2.500 bis 4.000 Euro sind nur absetzbar, wenn eine medizinische Indikation vorliegt. Krebs-Patientinnen vor Chemotherapie? Definitiv ja, wobei die gesetzliche Kasse das Einfrieren dann ohnehin bezahlt. Karriereplanung? Definitiv nein.

Außergewöhnliche Belastungen erklärt
Der Begriff klingt kompliziert, ist aber dein Freund. Außergewöhnliche Belastungen sind Ausgaben, die dir zwangsläufig entstehen und die meisten Menschen nicht haben. Kinderwunschbehandlungen fallen in der Regel darunter, wenn eine Krankheit zugrunde liegt.
Die drei Voraussetzungen
Erstens: Außergewöhnlichkeit. Eine IVF-Behandlung ist nicht alltäglich. Das erfüllt diese Voraussetzung automatisch. Zweitens: Zwangsläufigkeit. Du brauchst die Behandlung, um trotz Fruchtbarkeitsstörung schwanger zu werden. Auch das ist meist erfüllt. Drittens: Angemessenheit. Die Kosten müssen verhältnismäßig sein.
Ein wichtiges Urteil von 2024 (BFH, VI R 2/22): Eine gesunde Frau durfte ihre Kosten für eine künstliche Befruchtung mit Präimplantationsdiagnostik (PID) absetzen, die wegen einer Chromosomenveränderung ihres Partners nötig war. Dazu gehörten auch die Behandlungsschritte an ihrem eigenen Körper, und das Paar war nicht verheiratet. Ob das über die PID hinaus für jede Behandlung gilt, hat der Bundesfinanzhof nicht ausdrücklich entschieden. Für eine ICSI wegen eingeschränkter Spermienqualität des Mannes hielt er die Kosten schon 2017 für abziehbar, sofern die Behandlung mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist (VI R 34/15).
Timing ist alles
Du setzt die Kosten in dem Jahr ab, in dem du sie bezahlt hast (Abflussprinzip, § 11 EStG). Nicht unbedingt in dem Jahr, in dem die Behandlung stattfand. Das kann einen großen Unterschied machen.
Beispiel: Eine Frau kauft im Dezember 2025 ihre IVF-Medikamente, beginnt aber erst im Januar 2026 mit der Stimulation. Die Medikamentenkosten gehören in die Steuererklärung für 2025. Die Behandlungskosten, die sie im Januar bezahlt, in die für 2026.
Wichtig: Absetzbar ist nur, was am Ende wirklich bei dir hängen bleibt. Erstattungen und Zuschüsse ziehst du ab, etwa von der privaten Krankenversicherung, der Beihilfe oder als Satzungsleistung deiner gesetzlichen Kasse. Das gilt auch, wenn das Geld erst in einem späteren Jahr kommt (H 33.1-33.4 EStH, "Ersatz von dritter Seite"). Zuschüsse von Bund und Land zur Kinderwunschbehandlung sind dort nicht eigens genannt. Sie sind aber ebenfalls Ersatz von dritter Seite und mindern nach diesem Grundsatz die absetzbaren Kosten.

Zumutbare Belastung berechnen
Hier kommt der Haken: Du musst einen Teil selbst tragen. Die "zumutbare Belastung" hängt von deinem Gesamtbetrag der Einkünfte, deinem Familienstand und der Zahl deiner Kinder ab. Nur was darüber liegt, wirkt sich steuerlich aus.
So berechnest du deine zumutbare Belastung
Die Formel ist gestaffelt. Diese Prozentsätze gelten nach § 33 Abs. 3 EStG:
| Gesamtbetrag der Einkünfte | Ohne Kinder (Grundtarif) | Ohne Kinder (Ehepaare, Splittingtarif) | 1 oder 2 Kinder | 3 oder mehr Kinder |
|---|---|---|---|---|
| bis 15.340 € | 5% | 4% | 2% | 1% |
| über 15.340 bis 51.130 € | 6% | 5% | 3% | 1% |
| über 51.130 € | 7% | 6% | 4% | 2% |
Wichtig: Seit einem Urteil des Bundesfinanzhofs von 2017 wird stufenweise gerechnet. Nur der Teil des Einkommens, der eine Grenze übersteigt, wird mit dem höheren Prozentsatz belastet.
Ein Beispiel: Dein Gesamtbetrag der Einkünfte liegt bei 45.000 Euro im Jahr, und du hast ein Kind. Deine zumutbare Belastung beträgt 15.340 Euro × 2% plus 29.660 Euro × 3%, also rund 1.197 Euro. Alle Kinderwunschkosten über 1.197 Euro kannst du absetzen.
Verheiratete haben Vorteile
Bei der Zusammenveranlagung zählt der gemeinsame Gesamtbetrag der Einkünfte, dafür gelten die niedrigeren Prozentsätze des Splittingtarifs. Beispiel: Sie verdient 60.000 Euro, ihr Mann 20.000 Euro. Gemeinsam haben sie 80.000 Euro. Ohne Kinder und stufenweise gerechnet ergibt das 613,60 Euro plus 1.789,50 Euro plus 1.732,20 Euro, also rund 4.135 Euro zumutbare Belastung.

Welche Belege brauchst du
Das Finanzamt will Beweise. Alle Belege sammeln und gut sortieren. Das spart dir später Ärger. Am besten dokumentierst du schon ab dem ersten Beratungstermin alles.
Diese Unterlagen sind Pflicht
Arztrechnungen sind das A und O. Sie müssen den Behandlungsgrund und die Art der Leistung klar erkennen lassen. "IVF-Behandlung bei Sterilität" ist perfekt. "Beratung" ist zu unspezifisch.
Medikamentenbelege brauchst du auch. Wichtig: Die ärztliche Verordnung (Rezept oder eine Kopie davon) dazu aufheben. Sie beweist, dass die Medikamente ärztlich verordnet waren. Apotheken-Quittungen allein reichen oft nicht.
Bei größeren Summen will das Finanzamt manchmal einen ärztlichen Befundbericht. Der sollte die Diagnose und die Notwendigkeit der gewählten Behandlung erklären. Frag deinen Arzt rechtzeitig danach.
So organisierst du deine Belege
Hilfreich ist ein simples System: Ein Ordner pro Jahr, chronologisch sortiert. Vorne eine Liste mit Datum, Betrag und Art der Leistung. Das macht die Steuererklärung zum Kinderspiel.
Digital ist auch okay. Wichtig: Gute Bildqualität beim Scannen. Das Finanzamt muss alles lesen können. Und vergiss nicht die Fahrtkosten. Führe ein kleines Fahrtenbuch für Klinikfahrten.
Verheiratete vs unverheiratete Paare
Hier gibt es wichtige Unterschiede. Die Rechtsprechung hat sich in den letzten Jahren deutlich entwickelt, meist zugunsten unverheirateter Paare.
Verheiratete Paare: Der Standardfall
Bei der Zusammenveranlagung werden eure Einkünfte gemeinsam versteuert. Es spielt deshalb keine Rolle, wer von euch die Rechnungen bezahlt: Die Kosten mindern euer gemeinsames Einkommen, und die Ersparnis richtet sich nach eurem gemeinsamen Steuersatz.
Beispiel: Sie verdient 70.000 Euro, er 35.000 Euro, zusammen also 105.000 Euro. Ohne Kinder liegt die zumutbare Belastung stufenweise gerechnet bei rund 5.635 Euro. Von 8.000 Euro selbst getragenen Behandlungskosten wirken sich damit rund 2.365 Euro steuerlich aus.
Unverheiratete Paare: Früher schwierig, heute machbar
Lange Zeit war die Rechtslage unklar. Kann der gesunde Partner absetzen? Müssen beide Partner behandelt werden? Schon 2007 hat der Bundesfinanzhof entschieden, dass auch unverheiratete Paare in einer festen Partnerschaft Kinderwunschkosten absetzen können. 2017 hielt er die Kosten einer ICSI wegen eingeschränkter Spermienqualität des Mannes für abziehbar, obwohl das Paar damals noch nicht verheiratet war, sofern die Behandlung mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist (VI R 34/15). 2024 folgte ein Urteil zur Präimplantationsdiagnostik (VI R 2/22): Eine gesunde Partnerin durfte ihre Kosten für eine künstliche Befruchtung mit PID absetzen, die wegen einer Chromosomenveränderung ihres Partners nötig war.
Wichtig dabei: Absetzen kann jeweils nur, wer die Kosten selbst trägt. Zahlt nur einer, kann auch nur er absetzen. Überweist dein Partner dir Geld für die Behandlung? Dokumentiere das gut. Kontoauszüge als Beleg aufheben.
Die praktische Umsetzung, an einem Beispiel: Ein unverheiratetes Paar teilt sich die künstlichen Befruchtungskosten von 12.000 Euro hälftig. Jeder kann 6.000 Euro als außergewöhnliche Belastungen ansetzen (natürlich abzüglich der jeweiligen zumutbaren Belastung).
Gleichgeschlechtliche Paare und Singles
Hier wird es rechtlich besonders spannend. Die Rechtsprechung hat sich entwickelt, aber nicht alle Fälle sind eindeutig geklärt.
Gleichgeschlechtliche Paare
Verheiratete gleichgeschlechtliche Paare werden steuerlich wie andere Ehepaare zusammen veranlagt. Für die Absetzbarkeit einer Samenspende oder IVF-Behandlung gilt aber eine wichtige Einschränkung: Der Bundesfinanzhof (2017, VI R 47/15) erkennt die Kosten inklusive Spendersamen an, wenn bei der behandelten Frau eine Unfruchtbarkeit vorliegt. Daraus lässt sich ableiten, dass der fehlende männliche Partner allein nicht reicht. Ausdrücklich entschieden hat der Bundesfinanzhof diese Frage aber nicht.
Das gilt genauso für nicht verheiratete gleichgeschlechtliche Paare: Entscheidend ist die Unfruchtbarkeit der behandelten Frau, nicht der Familienstand.
Beispiel: Zwei Frauen leben zusammen, sind aber nicht verheiratet. Für ihre IVF mit Samenspende zahlen sie zusammen 9.500 Euro. Eine von beiden trägt die Schwangerschaft, die andere zahlt die Hälfte der Kosten. Absetzbar sind die Kosten, wenn bei der behandelten Frau eine Unfruchtbarkeit festgestellt wurde. Wie die Kosten zwischen den beiden am besten aufgeteilt werden, klärt ihr im Zweifel mit einer Steuerberatung.
Singles: Der schwierigste Fall
Hier ist die Rechtslage am wenigsten geklärt. Ein Urteil des Bundesfinanzhofs speziell zu alleinstehenden Frauen gibt es bisher nicht. Das Finanzgericht Münster hat 2020 entschieden, dass die Kosten einer Kinderwunschbehandlung mit Samenspende für Single-Frauen absetzbar sind, wenn bei der Frau eine krankheitsbedingte Unfruchtbarkeit festgestellt wurde. Der Familienstand spielte dabei keine Rolle.
Ob allein der fehlende Partner reicht, hat der Bundesfinanzhof nicht entschieden. Seine bisherigen Urteile stellen jeweils auf eine Krankheit ab. Ohne ärztliche Diagnose solltest du deshalb nicht mit einem Abzug rechnen. Außerdem muss die Behandlung angemessen sein und im Einklang mit dem ärztlichen Berufsrecht stehen.

Steuerliche Absetzbarkeit in Österreich
Österreich hat ein anderes System als Deutschland. Hier steht die direkte Förderung über den IVF-Fonds im Vordergrund, steuerlich bleibt meist nur der Selbstbehalt übrig.
Das österreichische System
Die Kosten einer medizinisch indizierten IVF können auch in Österreich eine außergewöhnliche Belastung sein, wenn die Unfruchtbarkeit nicht freiwillig herbeigeführt wurde. Abziehbar ist nur, was du selbst trägst: Kostenersätze wie der Fondsanteil werden abgezogen. Außerdem gilt ein einkommensabhängiger Selbstbehalt von 6% (Einkommen bis 7.300 Euro), 8% (bis 14.600 Euro), 10% (bis 36.400 Euro) oder 12% (darüber). Erst was darüber liegt, wirkt sich steuerlich aus.
Der IVF-Fonds übernimmt 70% der Kosten für bis zu vier Versuche. Die restlichen 30% sind dein Selbstbehalt, je nach Alter, Methode und Zentrum rund 970 bis 1.330 Euro pro Versuch. Diesen Betrag kannst du ansetzen. Er wirkt sich aber nur aus, soweit er zusammen mit deinen anderen Krankheitskosten den einkommensabhängigen Selbstbehalt übersteigt.
Besonderheiten in Österreich
Medikamente sind beim IVF-Fonds bereits im Tarif enthalten, auch dafür zahlst du also 30%. Absetzbar ist nur dieser selbst getragene Anteil. Heb die Rechnungen der Klinik deshalb gut auf.
Fahrtkosten zur Klinik kannst du auch hier ansetzen. Bei weiten Anfahrten kommt einiges zusammen.
Ein Beispiel: Ein Paar aus Innsbruck fährt für die IVF-Behandlung nach Wien. 500 Kilometer pro Fahrt, fünf Termine. Das sind 2.500 Kilometer allein für die Hinfahrten, da kommt schnell ein vierstelliger Betrag zusammen.
Steuerliche Optimierung in Österreich
Viel Spielraum gibt es nicht: Absetzen kannst du nur deinen tatsächlich getragenen Anteil, abzüglich des Selbstbehalts. Der Selbstbehalt sinkt um je einen Prozentpunkt, wenn dir der Alleinverdiener- oder Alleinerzieherabsetzbetrag zusteht, und für jedes Kind. Sammle deshalb alle Krankheitskosten eines Jahres, denn sie werden zusammengerechnet.
Steuerliche Absetzbarkeit in der Schweiz
In der Schweiz zahlt die Grundversicherung nur die Insemination (höchstens drei Zyklen pro Schwangerschaft), IVF und ICSI trägst du selbst. Umso wichtiger ist die steuerliche Seite.
Krankheitskosten in der Schweiz
Bei der direkten Bundessteuer kannst du Krankheitskosten absetzen, soweit du sie selbst trägst und sie 5% deiner um bestimmte Abzüge verminderten Einkünfte übersteigen. Bei 60.000 CHF sind das 3.000 CHF Selbstbehalt. Laut Eidgenössischer Steuerverwaltung gelten Hormonbehandlung, Insemination mit Partnersamen und IVF als abzugsfähige Krankheitskosten, auch wenn sie beim gesunden Partner anfallen.
Weil die Grundversicherung keine IVF zahlt, kannst du die selbst getragenen IVF-Kosten über dem Selbstbehalt geltend machen. Ab der Steuerperiode 2027 gilt das auch für das Einfrieren von Eizellen, wenn es krankheitsbedingt und medizinisch indiziert ist.
Zusatzversicherungen und Steuer
Hier wird es kompliziert. Prämien für Zusatzversicherungen zählen nicht zu den Krankheitskosten. Leistungen, die du trotz Zusatzversicherung selbst bezahlst, dagegen schon.
Kantonale Unterschiede
Bei den Kantons- und Gemeindesteuern legt jeder Kanton den Selbstbehalt für Krankheitskosten selbst fest. Informiere dich bei deiner kantonalen Steuerverwaltung über die genauen Regeln.
Praxisbeispiel mit konkreten Zahlen
Ein durchgerechnetes, fiktives Beispiel zeigt, wie sich die Steuerersparnis berechnet. Mit deinen eigenen Zahlen geht es schneller im Kinderwunsch-Kostenrechner, der Kasse, Förderung und Steuer zusammen rechnet, auch nach österreichischem und Schweizer Recht.
Das Beispiel: gesetzlich versichertes Ehepaar
Angenommen, ein gesetzlich versichertes Ehepaar: Er ist 38 und verdient 75.000 Euro, sie ist 35 und verdient 45.000 Euro. Die beiden versuchen seit drei Jahren, schwanger zu werden, und entscheiden sich 2025 für eine IVF-Behandlung.
Die Kosten im Detail
Mit genehmigtem Behandlungsplan rechnet die Klinik die IVF nach Kassensätzen ab, nicht nach der privaten Gebührenordnung (GOÄ). Als Größenordnung dienen die Einzelposten der Kinderwunschpraxis vitro-med: Eigenanteil rund 1.486 Euro je IVF-Zyklus, Medikamente inklusive. Selbst bezahlt hat das Paar damit:
- Voruntersuchungen (beide Partner, privat bezahlt): 850 Euro
- Eigenanteil IVF-Zyklus 1: 1.486 Euro
- Eigenanteil IVF-Zyklus 2 (nach Fehlgeburt): 1.486 Euro
- Zusätzliche Blutuntersuchungen: 320 Euro
- Fahrtkosten (20 Termine, angesetzt mit Bus und Bahn, angenommen 15 Euro je Termin): 300 Euro
- Selbst getragen: 4.442 Euro
Erstattungen abziehen
Die andere Hälfte der Kosten trägt die gesetzliche Krankenkasse, bei den Werten von vitro-med also ebenfalls rund 2.973 Euro für beide Zyklen. Diesen Teil bezahlt das Paar nicht selbst, er taucht in der Steuererklärung deshalb nicht auf. Voraussetzungen für die Kassenleistung:
- verheiratet, nur Ei- und Samenzellen des Paares
- beide mindestens 25, die Frau jünger als 40, der Mann jünger als 50
- höchstens drei Versuche IVF oder ICSI
Bekäme das Paar zusätzlich eine Satzungsleistung seiner Kasse oder einen Zuschuss von Bund und Land, würde das den Betrag weiter senken.
Eigenanteil: 4.442 Euro
Zumutbare Belastung berechnen
Gesamtbetrag der Einkünfte: 120.000 Euro, verheiratet, keine Kinder Zumutbare Belastung (stufenweise, Splittingtarif): 15.340 Euro × 4% plus 35.790 Euro × 5% plus 68.870 Euro × 6% = rund 6.535 Euro
Hier der Schock: Die zumutbare Belastung liegt über den Eigenkosten! Das Paar kann steuerlich nichts absetzen.
Plan B: Optimierung über mehrere Jahre
Und wenn das Paar die Behandlungen auf zwei Jahre verteilt hätte? 2025 der erste Versuch, 2026 der zweite. Dann wäre der Eigenanteil pro Jahr noch kleiner, die zumutbare Belastung von rund 6.535 Euro gilt aber in jedem Jahr neu, weil sie vom Jahreseinkommen abhängt. Immer noch kein Steuervorteil. Umgekehrt gilt: Wer hohe Kosten in einem Jahr bündelt, überschreitet die Schwelle eher.
Die Realität bei hohen Einkommen
Das Beispiel zeigt: Bei hohen Einkommen ist die zumutbare Belastung oft so hoch, dass normale Behandlungskosten nicht überschritten werden. Steuervorteile gibt es meist nur bei:
- Komplikationen mit zusätzlichen Kosten
- Mehreren Behandlungen im selben Jahr
- Besonderen Verfahren wie PID
Häufige Fragen
Kann ich auch ohne medizinische Unfruchtbarkeitsdiagnose Kosten absetzen?
Das ist eine der häufigsten Fragen zum Thema. Die Antwort: Jein. Absetzbar sind Kinderwunschkosten als Krankheitskosten. Es braucht also eine ärztlich festgestellte Fruchtbarkeitsstörung bei dir oder deinem Partner, und die Behandlung muss medizinisch angezeigt sein.
Konkret bedeutet das: Wenn ihr ein Jahr lang erfolglos versucht habt, schwanger zu werden (bei Frauen über 35 bereits nach sechs Monaten), und der Arzt deshalb eine Behandlung für erforderlich hält, spricht viel für die Absetzbarkeit.
Bei gleichgeschlechtlichen Paaren und Singles gilt: Absetzbar sind die Kosten, wenn bei der behandelten Frau selbst eine Unfruchtbarkeit vorliegt (BFH, VI R 47/15). Daraus wird abgeleitet, dass der fehlende männliche Partner allein keine Krankheit ist. Ein Urteil, das das ausdrücklich so sagt, gibt es aber nicht.
Können auch Kosten für den gesunden Partner abgesetzt werden?
In vielen Fällen ja. Der Bundesfinanzhof hat 2024 entschieden (VI R 2/22), dass eine gesunde Frau ihre Kosten für eine künstliche Befruchtung mit Präimplantationsdiagnostik (PID) absetzen kann, wenn die Behandlung wegen einer Krankheit ihres Partners nötig ist. Das schließt die Behandlungsschritte an ihrem eigenen Körper ein. Im Fall ging es um eine Chromosomenveränderung des Partners. Ob das Urteil für jede Kinderwunschbehandlung gilt, ist nicht ausdrücklich entschieden.
Beispiel: Bei einer ICSI-Behandlung ist sie gesund, er hat schlechte Spermienwerte. Für diese Konstellation hat der Bundesfinanzhof schon 2017 entschieden (VI R 34/15): Die Kosten der ICSI können als außergewöhnliche Belastung abziehbar sein, auch bei einem damals unverheirateten Paar, sofern die Behandlung mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist. Zur ICSI gehören dabei auch die Hormonbehandlung und die Punktion bei ihr.
Wichtig bei unverheirateten Paaren: Absetzen kann jeweils nur, wer die Kosten selbst trägt. Zahlt nur einer, kann auch nur er absetzen. Dokumentiert eure gegenseitigen Zahlungen gut.
Was ist mit Behandlungen im Ausland?
Auslandsbehandlungen sind absetzbar, wenn sie mit deutschem Recht vereinbar sind, also zumindest in einem Bundesland nach ärztlichem Berufsrecht zulässig wären. So hat der Bundesfinanzhof 2017 eine IVF mit Spendersamen in Dänemark anerkannt, inklusive Fahrt- und Übernachtungskosten.
Nicht absetzbar sind dagegen Behandlungen, die in Deutschland verboten sind: Eine Eizellspende im Ausland (BFH 2022) und eine Leihmutterschaft im Ausland (BFH 2023) erkennt das Finanzamt nicht an.
Heb bei zulässigen Behandlungen alle Rechnungen, ärztlichen Unterlagen und Reisebelege auf. Reise- und Übernachtungskosten sind dann ebenfalls absetzbar.
Wie sieht es mit alternativen Behandlungsmethoden aus?
Das ist rechtlich umstritten. Akupunktur, TCM oder Homöopathie sind nur absetzbar, wenn sie ärztlich verordnet wurden und in direktem Zusammenhang mit der Kinderwunschbehandlung stehen.
Ein Beispiel: Dein Reproduktionsmediziner verordnet dir begleitend zur Hormonbehandlung Akupunktur. Mit entsprechender Verordnung ist das absetzbar.
Machst du Akupunktur auf eigene Faust "weil das ja auch helfen könnte", ist es nicht absetzbar. Die klare medizinische Indikation muss da sein.
Sind Kosten für Nahrungsergänzungsmittel absetzbar?
Grundsätzlich nein, außer sie werden konkret für die Kinderwunschbehandlung ärztlich verordnet. Folsäure vor und während der Schwangerschaft ist ein Grenzfall. Manche Finanzämter erkennen sie an, andere nicht.
Spezielle Fruchtbarkeitsvitamine oder Coenzym Q10 haben bessere Chancen, wenn sie der Arzt explizit für die Behandlung verschreibt. Lass dir eine entsprechende Verordnung ausstellen.
Die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderwunschkosten ist komplex, aber in vielen Fällen möglich. Mit der richtigen Dokumentation und Planung kannst du einen Teil deiner Ausgaben zurückholen. Wenn du unsicher bist, welche Behandlung für dich die richtige ist oder wie sich die Kosten entwickeln, nutze unseren Fertilio-Berater, um die passende Klinik zu finden. Für die steuerliche Gestaltung im Einzelfall lohnt sich eine Steuerberatung oder ein Lohnsteuerhilfeverein.
Quellen
- § 33 EStG: Außergewöhnliche Belastungen, Bundesministerium der Justiz, Stand 2026
- § 11 EStG: Vereinnahmung und Verausgabung, Bundesministerium der Justiz, Stand 2026
- BFH, Urteil vom 19.01.2017, VI R 75/14: Stufenweise Berechnung der zumutbaren Belastung, Bundesfinanzhof, 2017
- BFH, Urteil vom 05.10.2017, VI R 47/15: Kinderwunschbehandlung in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft, Bundesfinanzhof, 2017
- BFH, Urteil vom 17.05.2017, VI R 34/15: ICSI bei eingeschränkter Spermienqualität des Partners, Bundesfinanzhof, 2017
- BFH, Urteil vom 29.02.2024, VI R 2/22: PID und künstliche Befruchtung der gesunden Partnerin, Bundesfinanzhof, 2024
- BFH, Urteil vom 25.01.2022, VI R 34/19: Eizellspende im Ausland nicht abziehbar, Bundesfinanzhof, 2022
- BFH, Urteil vom 10.08.2023, VI R 29/21: Leihmutterschaft im Ausland nicht abziehbar, Bundesfinanzhof, 2023
- EStH 2025, H 33.1-33.4: Ersatz von dritter Seite und Fahrtkosten, Bundesministerium der Finanzen, 2025
- In-vitro-Fertilisation, familienplanung.de / Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, 2026
- ICSI, familienplanung.de / Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, 2026
- Kosten der Kinderwunschbehandlung, kinderwunschaerztin.de (Kinderwunschpraxis München), 2026
- Behandlungskosten, Kinderwunsch-Arzt Berlin, 2026
- Voraussetzungen und Kosten der Therapie, vitro-med Kinderwunschzentrum, 2026
- Künstliche Befruchtung einer alleinstehenden Frau, Finanzgericht Münster, Pressemitteilung 2020
- § 34 Einkommensteuergesetz 1988 (Österreich): Außergewöhnliche Belastung, Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Stand 2026
- Wir möchten ein Baby: Informationen zum IVF-Fonds, Sozialministerium Österreich, 2025
- Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer (DBG), Art. 33: Krankheitskosten, Fedlex Schweiz, Stand 2026
- Kreisschreiben Nr. 11: Abzug von Krankheits- und Unfallkosten, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), 2005
- Kreisschreiben Nr. 11a: Abzug von Krankheitskosten ab Steuerperiode 2027, Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), 2026